Bekanntlich ist nicht alles, was hinkt, ein Vergleich. Als Appetithäppchen zu ihrem identisch betitelten Buch bemühte Tessa Szyszkowitz in ihrem Artikel „Trauma und Terror“ (veröffentlicht in: Profil Nr. 4, 21.01.2008, S. 70-75) einen zwischen palästinensischem und tschetschenischem Selbstmordterrorismus um für beide als gemeinsame Wurzel „die kollektive Erinnerung an Deportation und Vertreibung“ zu orten. Dafür ist zu danken, denn so erspart man sich das Buch zu lesen.
Wer den offenkundig politischen Zweck
mit vorgeblich wissenschaftlichen Mitteln scheinheiligt, möge sich der
Verfassung von Pamphleten oder Romanen widmen, denn selbst im Journalismus gilt
es, allzu offenkundige Faktenverdrehungen in zeitgeschichtlichen Beiträgen
zu vermeiden. Die geschichtswissenschaftliche Todsünde, den Ablauf abgeschlossener
historischer Ereignisse mit politisch instrumentalisierten Gegenwartsbegriffen
zu beschreiben und so den „Sitz in der Geschichte“ polemisierend
oder fachlich inkorrekt zu verfälschen, ist schon seit Längerem zum
Instrument der antizionistisch agierenden „neuen Historiker“ geworden,
die die Geschichte des Nahen Ostens und somit die kulturelle Weltgeschichte
bis vor die Zeit der „Landnahme durch die Israeliten unter Joshua“
umschreiben und jedem heutigen palästinensischen Terrorkämpfer der
Hamas einen Urahn der Philister zuordnen wollen..
Arabische Mutationen
In der gesamten Geschichte des Nahen Ostens bis zum Unabhängigkeitskrieg
Israels 1948 gab es keine „369 palästinensischen“[1] Dörfer
im heutigen politischen, antiisraelischen Sinn. Es gab nur arabisch-muslimische
und jüdische Dörfer im britischen Mandatsgebiet „Palästina“.
Vor 1880 war dieses Territorium von Juden wie Arabern äußerst dünn
besiedelt. Die erst danach bis 1929 massiv zuwandernden, mehr als 2,8 Millionen
Menschen waren größtenteils entweder nichtzionistische, arabische
Juden oder zionistische Juden der europäischen Alijot und zum viel kleineren
Teil auch arabisch-muslimische Nomaden, die dem Siedlungsbeispiel der Juden
folgten. Alle Dörfer lagen beidseitig des Jordan, die jüdischen vermehrt
westlich, die muslimisch-arabischen vermehrt östlich des Flusses. Dies
gab schon unter Winston Churchill 1922 den Ausschlag, das gesamte, beidseitig
des Jordan liegende, britische Mandatsgebiet „Palästina“ in
ein 1923 anerkanntes, autonomes muslimisch-arabisches Emirat „Transjordanien“
und ein Restmandatsgebiet „Palästina“ zu teilen, das den Juden
in Erfüllung der völkerrechtlich anerkannten Balfour-Deklaration zur
Wiedererrichtung ihrer jüdischen Heimat zugedacht war, wobei der Jordan
die Grenze darstellte. (Schon der rassistisch motivierte Antisemitismus Ende
des 19. Jhds. und später die NS-Ideologie wollten „alle Juden heim
nach Palästina“ schicken).
Artifizielle Nationalisierung
Völkerkundlich gehören die damals im britischen Mandatsgebiet „Palästina“
ansässigen Araber - wie jene des erst 1946 von den Briten in vollkommener
Selbstständigkeit anerkannten Königreiches Jordanien - zu den Südsyrern.
Auch die politischen Auseinandersetzungen um dieses Restmandatsgebiet „Palästina“
im Nahen Osten vor den Vereinten Nationen, die im Teilungsplan der UNO von 1947
gipfelten und quasi zur zweiten Teilung „Palästinas“ führten,
kannten nur eine jüdische und eine arabische Seite im Kampf von Juden und
muslimischen Arabern um den Anspruch auf ein Territorium. Von „Palästinensern“
war dabei noch keine Rede. Deren politische und durchaus artifizielle Nationalisierung
erfolgte erst nach der selbst provozierten Niederlage von 1948, verbalisiert
in der (übrigens bis heute vollinhaltlich gültigen, unwiderrufenen)
Nationalcharta von 1968 der PLO.
Hätten die muslimischen Araber ebenso wie die Juden – und das wird
stets geflissentlich übersehen – den Teilungsplan der UNO schon 1947
akzeptiert, wäre der neue Staat Israel auf einem viel kleineren Territorium
als 1948 entstanden, hätte es auch den Unabhängigkeitskrieg Israels,
der durch den militärischen Überfall sämtlicher arabischer Nachbarstaaten
auf den kleinen neuen Staat Israel begonnen wurde, wahrscheinlich erst gar nicht
gegeben, somit keine Flucht, keine Vertreibungen, keine Nakba, kein Trauma.
Vertreibungstrauma
- eine historische Kopie
„Tief im kollektiven Gedächtnis der beiden Völker eingegraben
[Palästinensern und Tschetschenen, Anm.], beeinflusst das Trauma der Deportation…und
der Vertreibung…die jeweiligen nationalen Bewegungen bis heute…“[2]
Auch nur halb interessierten EuropäerInnen fällt allerdings zu den
Schlagwörtern „Trauma, Deportation und Vertreibung“ in erster
Linie die Shoah, der Holocaust der europäischen Juden ein, der in der verbrecherischen
Vollendung seiner über Jahrhunderte in Europa genährten antisemitischen
Wurzeln in der industriellen Vernichtungsmaschinerie der Nazis gipfelte.
Die Shoah muss sich in ihrer heute historisch unbestrittenen Einmaligkeit keinen
Vergleich mit Verbrechen an anderen Völkern oder Volksgruppen gefallen
lassen. Mit ihrem kollektiven Trauma wirkte sie auch als letzter und am schwersten
wiegender Anlass für die Staatsgründung Israels als Ausweg aus dem
historischen Dilemma. Israel brachte weder vor noch nach seiner Gründung
Attentäter hervor, die weltweit in anderen Staaten verbrecherische Anschläge
verüben, wird aber in der Region nur als „imperialistischer Besatzer“
dargestellt – im einäugigen Nachempfinden der Autorin Szyszkowitz
völlig zu Recht.
Äpfel und Birnen
„Palästinensern wie Tschetschenen widerfuhr in den vierziger Jahren
des vergangenen Jahrhunderts ein Unrecht, das nie ausreichend erkannt, geschweige
denn politisch behandelt wurde…“[3] , vereinnahmt sie den tschetschenischen
Aspekt zur palästinensischen Sache, wobei sämtliche internationalen
Nahost-Konferenzen seit Kriegsende 1945 negiert oder ignoriert werden. Ein Problem
des individuellen Gedächtnisses? „Mit konventionellen Mitteln konnten
sich die beiden schlecht ausgerüsteten Kleinvölker gegen die als Besatzer
empfundenen Russen oder Israelis kaum wehren. Der Islamismus versprach Abhilfe…“[4]
Das kann Verständnis dafür fördern, dass eben zu den unkonventionellen
Mitteln der Terroranschläge und – im Falle der Palästinenser
- der heimlichen Aufrüstung durch islamistische Unterstützerstaaten
und Umwidmung weltweit eintreffender, humanitärer Hilfsgüter gegriffen
werden muss.
Henne und Ei
„Es handelt sich bei uns um eine traumatisierte, destabilisierte Gesellschaft“,
zitiert Szyszkowitz den palästinensischen Psychiater Ejad Sarrai im Gazastreifen[5]
. Selbstverständlich fehlt der peinliche Vergleich mit der traumatisierten,
destabilisierten Gesellschaft der Jüdinnen und Juden, die nach 1948 trotz
immerwährender Bedrohung, Angriffen und Kriegen von außen und Anschlägen
im Inneren ihren Staat sehr rasch und beispielhaft als bisher einzige Demokratie
im Nahen Osten nach westlichem Muster und mit funktionierender Wirtschaft aufgebaut
hat. Zwar ringt sich die Autorin das Eingeständnis ab: „Auch andere
Völker, etwa die Juden nach dem Holocaust oder die Armenier nach dem Genozid
durch die Türken 1915, erlitten kollektive Traumata, ohne deshalb ganze
Generationen von Attentätern hervorzubringen…Armenier und Juden unterscheiden
sich aber vor allem in einem Punkt von Tschetschenen und Palästinensern:
Sie haben einen eigenen Staat. Das entschärft den kollektiven Gedächtnisdruck.“[6]
Mit diesem Argument wird schlicht Ursache mit Wirkung oder Henne mit Ei verwechselt.
Auch die Juden hatten eben bis 1948 keinen eigenen Staat, also kann man das
nicht als „Entschärfung“ gegenüber der arabischen Situation
einbringen. Die muslimischen Araber des ehemaligen Mandatsgebietes Palästina
haben nur deswegen noch keinen eigenen Staat neben Israel und dem heutigen Jordanien,
weil sie den Juden einen eigenen Staat schon 1948 missgönnten, das ganze
Territorium für sich haben wollten und bis heute anstreben. Dieses historische
Faktum sollte endlich wenigstens in individuellen Gedächtnisdruck einsickern,
wenn schon nicht in kollektiven.
Birnen und Europa
Darüber hinaus hat die Autorin noch die Erklärung parat, warum es
mit der öffentlichen Ordnung in den Palästinensischen Autonomiegebieten
so gar nicht klappen mag: „Der Aufbau von staatlichen Strukturen wurde
im Falle der Palästinenser durch die fortgesetzte Besatzung…erschwert“.[7]
Dem könnte man nur folgen, wenn man die kollektive Erinnerung an Österreich
und Deutschland nach 1945 ausblendete, wo solches immerhin binnen Wochen gelang,
weil sich das kollektive Gedächtnis noch republikanischer Verhältnisse
und der Demokratie entsann. Das Misslingen im Falle der Palästinenser dürfte
also eher auf viele unvereinbare Faktoren der Demokratie und ihrer öffentlichen
Strukturen einerseits und einer in einem islamischen „Gottesstaat“
herrschender Scharia andererseits zurückzuführen sein.
Äpfel, Birnen
und Juden
Weiters erkennt die Autorin offensichtlich nur Tschetschenen und Palästinensern
zu: „Im 'explosiven Cocktail', der Menschen zu Selbstmordattentätern
werden lässt, ist psychische Labilität ein zentrales Element.“
Keine Frage, dass in ihrer Sichtweise die von ihr darin ohnehin nicht vergleichbaren
Juden aus ihren im Holocaust erlittenen Traumata offensichtlich keine psychische
Labilität entwickeln mussten, konnten oder durften, die sie zu solchen
Mitteln trieb, sondern sich quasi über Nacht aus dem Trauma in imperialistische
Vertreiber und Besatzer wandelten, an die sofort die weltweit höchsten
Ansprüche an politischer Moral zu stellen waren und sind, weil sie es wagten,
mit Erlaubnis der Völkergemeinschaft ihren Staat nach fast 2000 Jahren
der kollektiven Vertreibung und Verfolgung wieder zu errichten.
[1] Cit., a.a.O. S. 72.
[2] A.a.O., S. 72.
[3] A.a.O., S. 72.
[4] A.a.O., S. 72.
[5] A.a.O., S. 72.
[6] A.a.O., S.74-75
[7] A.a.O., S. 72.