Instrumentalisiert Israel die Shoa?

Von: Bettina Weissengruber

Am 27. Oktober fand direkt neben dem Campus der Linzer Universität, in den Räumlichkeiten der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG), eine gemeinsame „Gedenkveranstaltung“ von Pax Christi und den Jüdischen Stimmen für einen gerechten Frieden im Nahen Osten, zur so genannten Nakba (Katastrophe), wie Palästinenser ihre Niederlage im ersten Krieg gegen den Staat Israel und die Folgen daraus nennen, statt.

Nun hat jedes Volk das Recht auf seine eigene Betrachtungsweise seiner Geschichte, auf seine Mythen und Legenden. Problematisch wird es, wenn diese Betrachtungen und subjektiven Befindlichkeiten der Öffentlichkeit als allein gültige objektive Wahrheit serviert werden. In mehreren Redebeiträgen und einem Film präsentierte man Israel als Dämon und Gefahr für den Weltfrieden, während man den Palästinensern und der Hamas vollkommene Absolution erteilte. Da wurde einer terroristische Gruppe, die auf der Ideologie des massenmörderischen Djihadismus schwimmt und nicht nur Israel von der Landkarte streichen will, sondern auch unter der eigenen Bevölkerung für Mord, Folter und Elend verantwortlich ist, die demokratische Legitimation zugesprochen. Israel, das die einzige funktionierende Demokratie in der Region ist, durfte sich als Schreckensherrschaft darstellen lassen, welche an den Palästinensern einen Genozid verübt. Hoffentlich nicht nur für kritische Geister stellt sich hier die Frage, welche Vorstellung die Jüdischen Stimmen für einen gerechten Frieden im Nahen Osten, aber vor allem Pax Christi, welche sich ja der Umsetzung der Menschenrechte verpflichtet fühlen, von Demokratie, Frieden und Menschenrechten haben?

Die explizite Rede, vom an den Palästinensern begangenen Genozid, wurde durch Aussagen unterstrichen, in denen man Juden mit Nazis gleichgestellte. So wurden mit Bezug auf Erich Fried, die während des Krieges passierten Tötungen von Zivilisten mit dem Warschauer Ghetto und die Führer der nationalistischen Militärorganisation Irgun mit dem berüchtigten NS-Massenmörder Jürgen Stroop verglichen. Im vorgeführten Film hieß es dann weiter:„Es ist die Generation des Holocaust und ihre Nachkommen, die die ethnischen Säuberungen weiterführt. Man kann sagen, dass Israel die Palästinenser zu den Juden der Juden gemacht hat.“

Abgesehen davon, dass es keine ethnischen Säuberungen gegeben hat und die israelische Führung bereits damals das Töten von Zivilisten klar verurteilte, steht der nationalistische Befreiungskampf des jüdischen Volkes in keinem Verhältnis zum Massenmord an den Juden durch den Nationalsozialismus. Die direkte oder indirekte Gleichsetzung von Juden mit Nazis wird von allen seriösen Institutionen, die sich mit der Thematik beschäftigen, als eindeutig antisemitisch klassifiziert.

Dem nicht genug, wurde die Behauptung aufgestellt, das jüdische Volk benütze seinen durch die Shoa erlangten Opferstatus, um zuerst die Staatsgründung Israels durchzusetzen und dann seine „Unterdrückungspolitik“ gegen die Palästinenser zu rechtfertigen. Dies stellt nicht nur eine Verhöhnung jener dar, die ermordet wurden, weil ihre einzige Schuld darin bestand, als Jude geboren zu sein, sondern umgekehrt, ihr Leid wird instrumentalisiert, um Israel, dessen Wiedererrichtung auf einen UN-Beschluss zurückgeht, in der Weltöffentlichkeit zu diskreditieren und ihm das Existenzrecht abzusprechen.

Nichts gesagt wurde hingegen über die Terroranschläge gegen jüdische Einrichtungen und die Britische Mandatsmacht, mit denen die Araber lange vor 1948 begonnen hatten. Selbstverständlich wurde auch nicht auf die Rolle des Großmufti von Jerusalem, Hadsch-Amin Al Husseini. eingegangen, der in der Nähe von Nablus ein arabisches Auschwitz errichten wollte um die Judenfrage im Nahen Osten zu lösen, wofür er sich von Hitler persönlich die Zustimmung holte. Der Großmufti bewunderte Hitler und lebte während der Naziherrschaft zwei Jahre in Berlin, wo er als Berater für Judenfragen fungierte. Während seiner Zeit in Europa rekrutierte er in Jugoslawien 20 000 muslimische Freiwillige für die SS, die sich an der Ermordung von Juden in Kroatien und Ungarn beteiligten. Er wurde in Nürnberg zum Nazikriegsverbrecher erklärt und sowohl von Jugoslawien als auch von Großbritannien als Kriegsverbrecher gesucht. Doch es gelang ihm sich nach Ägypten abzusetzen, welches ihm bereitwillig Asyl gewährte. Trotzdem wählte ihn 1948 der palästinensische Nationalrat zum Präsidenten. Von vielen Palästinensern wird er noch heute als Nationalheld verehrt.

Totgeschwiegen wurde von den Veranstaltern auch die Tatsache, dass die Katastrophe der Palästinenser nicht in der Existenz Israels besteht, sondern darin, dass arabische Staaten den Flüchtlingsstatus der Palästinenser bewusst aufrecht erhalten, um eigenes politisches Kapital daraus zu schlagen. Kein Wort wurde verloren, über die unzähligen Angebote, die man den Palästinensern machte und immer noch macht, um einen eigenen palästinensischen Staat zu etablieren. Die Verhandlungen in Camp David des Jahres 2000, bei denen man den Palästinensern 97 % der besetzten Gebiete, die Altstadt von Jerusalem ohne den jüdischen Teil und dreißig Milliarden Dollar für das palästinensische Volk geboten hat, bezeichnen die Jüdischen Stimmen als Lüge, die Verhandlungen wurden laut ihrer Aussage nur zum Schein geführt, so wie nach ihrer Darstellung alle Verhandlungen die Israel führt, nur Scheinverhandlungen sind.

Arafat hat die Verhandlungen damals abgebrochen. Sein einziger Gegenvorschlag bestand darin, den Terror gegen Israel in noch schärferer Form als davor wieder aufzunehmen und jüdische Studenten in Cafes, Zivilisten in Einkaufszentren, Kinder in Schulbussen in die Luft zu sprengen. Es ist nicht nur das Recht eines Staates, es ist die Pflicht eines jeden Staates, seine Zivilbevölkerung, seine Frauen und Kinder, vor Selbstmordattentätern und Terrorismus zu schützen. Dies als Unterdrückungspolitik gegen Palästinenser darzustellen, heißt Terrorismus gegen israelische Zivilisten zu befürworten und dem jüdischen Volk das grundlegendste aller Menschenrechte abzusprechen: Das Recht auf Leben.

Warum katholische Initiativen, die sich nach ihrer Eigendefinition dem Frieden verschrieben haben, für Antizionismus und das Schüren von Hass ein Forum bieten ist nur schwer nachvollziehbar. Sehr wohl nachvollziehbar ist, dass die Aktion gegen Antisemitismus diese Veranstaltung als antisemitisch einstufte.