Wir danken der Redaktion von Democratiya für die Genehmigung zum Nachdruck dieses Artikels! DFI
Letter from Israel , erschien in Democratiya: http://www.democratiya.com/
(Ausgabe Dezember 06 -Februar 07)
Übersetzt aus dem Englischen von Eva Muehlhofer-Gurion.
BRIEF AUS ISRAEL

von Mary Kreutzer
Israel, 2006 4. pp.
Mary Kreutzer ist Redakteurin des Magazins der Österreichischen Liga der Menschenrechte (liga) und Mitbegründerin der österreichischen Sektion von Wadi www.wadinet.at , einer NGO, die Frauenprojekte im Nordirak unterstützt. Im Oktober 2006 reiste sie für 10 Tage nach Israel um bei den Dreharbeiten für einem Dokumentarfilm über das Leben des österreichischen Überlebenden der Shoah, Karl Pfeifer, mitzuwirken. Pfeifer ist österreichischer Journalist und früherer Chefredakteur der Zeitung der Israelitischen Kultusgemeinde, Die Gemeinde. Er hat einige Bücher publiziert, darunter eine Auswahl seiner Artikel unter dem Titel Nicht immer ganz bequem (Wien: Verlag Der Apfel, 1996). (Foto: Das Filmteam [Mary K. im Hintergrund] mit K.P. in Haifa.)
"Was ist das ?" Die entsetzte junge Polizeibeamtin am Ben Gurion Flughafen glaubt ihren Augen nicht zu trauen. Sie starrt auf die Visas - vom Irak, von Syrien, Libanon, Ägypten, Tunesien und der Türkei - in meinem vollständig bestempelten Pass. Aber nach wenigen Minuten darf ich mein Gepäck einsammeln und in ein Taxi nach Jerusalem springen. Es ist meine erste Reise nach Israel - ich drehe einen Film www.antisemitismusforschung.net über den Überlebenden der Shoah Karl Pfeifer.
Ich lernte ihn vor sechs Jahren kennen, als ich vom Herausgeber der österreichischen kommunistischen Wochenzeitung Volksstimme gebeten worden war, über seinen Gerichtsfall gegen den rechtsextremen Herausgeber der Zeitung Zur Zeit wegen Verleumdung zu schreiben. (Pfeifer verlor und der Fall ging an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg, der bald sein Urteil veröffentlichen wird.) Karl ist ein unermüdlicher Kämpfer gegen Antisemitismus und gegen den österreichischen Mythos, "das erste Opfer der Nazis" gewesen zu sein. Das Land verbleibt in Verdrängung oder gar Leugnung seiner aktiven Mittäterschaft im Zweiten Weltkrieg und an der Shoah und hat sich seiner Vergangenheit nicht so gestellt wie dies Deutschland tat. Die Konsequenzen dieser Leugnung gehen noch immer quälend in Österreich um. In einem Interview hatte Karl Pfeifer gesagt:
"Derzeit ist der österreichische Antisemitismus nicht in dem Ausmaß gewalttätig, dass Juden getötet werden, doch die Gewalt ist gegen nichteuropäische Ausländer gerichtet sowie gegen leicht erkennbare Juden, die manchmal auf Gehsteigen angegriffen oder niedergestoßen werden. Wie auch immer, sie zeigen dies nicht bei der Polizei an. Jüdische Friedhöfe werden geschändet, aber die jüdischen Gemeinden veröffentlichen das gewöhnlich nicht. Die Polizei tut diese Angriffe oft ab und behauptet, diese Aktionen würden von betrunkenen Jugendlichen ausgeführt, die man nicht finden könne (...) Wenn man versucht, die bruchstückhaften Ausdrücke österreichischen Antisemitismus zu analysieren, muss an erster Stelle eine zentrales Charakteristikum des Landes verstanden werden. Das ist das spezielle österreichische Syndrom, die Erinnerung an das Verhalten der Institutionen und in der Bevölkerung selbst während der nationalsozialistischen Ära zu verdrängen - eine Einstellung, die sich radikal von der Art der Deutschen unterscheidet, sich mit ihrer Nazi-Vergangenheit auseinander zu setzen. Viele der Vorkommnisse in Österreich seit Ende des Zweiten Weltkrieges, samt dem, was heutzutage geschieht, können einem Außenstehenden, der sich dieses wichtigen Unterschiedes nicht bewusst ist, nicht verständlich gemacht werden."
(Siehe 'Austria, the Jews and Anti-Semitism: Ambivalence and Ambiguity: An Interview with Karl Pfeifer' by Manfred Gerstenfeld ) http://www.jcpa.org/JCPA/Templates/ShowPage.asp?DBID=1&LNGID=1&TMID=111&FID=381&PID=0&IID=686
Gemeinsam mit FreundInnen beschossen wir anlässlich seines achtzigsten Geburtstages im Jahr 2008 eine Dokumentation über sein Leben zu produzieren. Die Filmarbeit brachte uns nach Baden, seine Heimatstadt, aus der er 1938 als Zehnjähriger von den Nazis vertrieben worden war. Weiters nach Budapest, die Stadt, aus der er 1943 nach Palästina geflüchtet war, auf einem der drei letzten Kindertransporte und als Mitglied der linkszionistischen HaShomer HaZair.
Und nun sind wir in Haifa, gehen die Strandpromenade entlang , während Karl von jenem 19. Februar 1943 erzählt - dem Tag, an dem er und 50 andere jüdischen Kinder aus ganz Osteuropa nach einer riskanten und anstrengenden Reise durch Rumänien, Bulgarien, Türkei und Syrien angekommen waren. "Einige Juden gaben uns Geld durch den Zaun. Später wurde uns erlaubt in die Stadt zu gehen und ich erinnere mich an einem Verkäufer, der uns eine ganze Tafel Schokolade schenkte. Ist das nicht verrückt? Es war 1943! Und ich erinnere mich an Hannah Senesh, die uns besuchte - sie wurde wenig später, im Alter von 23 Jahren, während ihrer Rettungsmission in Budapest 1944 von den Nazis hingerichtet." www.hannahsenesh.org.il
Zwei Monate vorher war ich entsetzt in meiner Wiener Wohnung gesessen, als die Hezbollah Raketen auf Zivilisten in Haifa abfeuerte und israelische Bomben auf Zivilisten in Beirut abwarfen. Ich war verzweifelt - rief FreundInnen in Haifa und FreundInnen in Beirut an. Der Gegensatz zu heute scheint unwirklich. Ich sitze im Neptune Restaurant in Haifa, genieße einen Teller gegrillte Shrimps und den idyllischen Ausblick auf die Küste, beobachte, wie die Fischer ihre Netze leeren, die Älteren machen ihre gymnastischen Übungen im Wasser und eine Gruppe von Teenagern hört Rapmusik über ihre Mobiltelefone.
Wir essen zu Mittag mit Karls Freunden von der Palmach, der Eliteeinheit der Haganah, der jüdischen Untergrundarmee. "Die meisten von uns hatten ihre Familien in der Shoah verloren. So wurde die Palmach wie eine zweite Familie für uns", sagt Dina Maestro. Anschließend fahren wir zu ihrem Kibbutz in der Nähe von Tivon, Scha'ar haAmakim. In Haifa und ebenso im Kibbutz werden uns die Einschläge der Hezbollah-Raketen gezeigt. Neima Schalev erzählte uns, "einige von uns verließen nicht ihre Häuser während des Libanonkrieges. Mein Mann und ich konnten nicht einmal in den Schutzkeller rennen, weil wir dafür zu alt sind und die Raketen zu schnell kamen." Neima kam 1943 mit dem Kindertransport nach Palästina - sie und Uri, ihr Ehemann, waren unter den ersten von Karls Freunden im Kibbutz. Gefragt nach ihrer Mitwirkung in der Palmach , winkt sie bescheiden ab. "Ich habe ja nur Waffen transportiert und versucht, von den britischen Soldaten nicht gefangen zu werden."
Im Jahr 1946, als Achtzehnjähriger, trat Karl in die jüdische Untergrundarmee ein. Er möchte uns einige Fotos von sich zeigen aus jenen Tagen, so fahren wir ins Palmach Museum www.palmach.org.il in Tel Aviv. Wir nehmen an einer zweistündigen Führung teil, die meistens für die jungen Soldaten der israelischen Armee organisiert wird. Karl ist nicht beeindruckt. Die Schau wird von einer gefühlsduseligen Liebesgeschichte gekrönt. "Wir waren niemals so. Wir wollten nur überleben. Keine Armee der Welt hatte eine bessere Motivation als unsere: Sollten wir den Krieg um unseren eigenen Staat verlieren, würden sie uns töten." Warum - so fragen wir ihn wieder und wieder - bist du nach Österreich zurückgekehrt, in das Land der Täter? Er witzelt, "Wegen meines niedrigen Blutdrucks. In Österreich ärgere ich mich mindestens einmal am Tag, und das ist ziemlich gesund." In ernsthafteren Versuchen seine Rückkehr 1951 zu erklären verweist Karl auf seinen Wunsch zu verstehen was geschehen war. "Zurückzukommen war vielleicht der größte Fehler meines Lebens."
Pfeifer ruht niemals. Er arbeitet mit dem Dokumentationszentrum des Österreichischen Widerstandes zusammen und schreibt für österreichische, ungarische, britische und israelische Magazine und Zeitschriften. Eine solche ist Israel-Nachrichten, die letzte deutschsprachige Wochenzeitung in Israel. Wir besuchen deren Büro in Tel Aviv und treffen Chefredakteurin Alice Schwarz-Gardos. Geboren in Wien 1916, floh sie 1939 nach Palästina. Nun 90 Jahre alt, ist sie physisch und geistig überaktiv. Sie begrüßt uns. "Tut mir Leid, Sie warten zu lassen, ich musste die Ausgabe fertig machen und an die Druckerei mailen." Wir fragen sie bezüglich der Debatte in Deutschland über die Teilnahme in der UN-Truppe im Libanon - welche dazu führen könnte, dass deutsche Soldaten auf Juden schießen. Sie lacht. "Diese Debatte interessiert niemand in Israel. Im Moment haben wir andere Probleme, wie etwa die iranischen Vernichtungsfantasien ."
Nachdem Karl nach Wien zurück geflogen war, blieben wir und erforschten das irakische Israel. Zusammen mit einigen FreundInnen gründeten wir eine NGO, die Frauenrechte im Nordirak stärkt und wir haben das Land seit der Befreiung 2003 schon dreimal besucht. Wir haben irakische FreundInnen in Wien, aus dem Nordirak, aus Bagdhad und aus dem Süden. Nicht alle von ihnen könnten als große Freunde Israels beschrieben werden, aber alle von ihnen erteilten uns den Auftrag dort nach Irakern zu suchen. Einige erinnern sich an ihre jüdischen Nachbarn, die 1951-52 aus dem Irak vertrieben worden waren. "Berichtet uns, was sie jetzt machen und was sie über den Irak denken - sucht sie!" [Siehe: Rayyan Al-Shawaf's review of Abbas Shiblak's Iraqi Jews: A History of a Mass Exodus , in derselben Ausgabe von Democratiya – Ed.]
Da die Sicherheitslage ruhig war, nahmen wir den öffentlichen Bus zum Vorort Gilo und besuchten das Haus der Zionistischen Bewegung im Irak um Avraham Kehila zu treffen, den Gründer eines kleinen Dokumentationszentrums. 1941 war er zwölf Jahre alt, als Pogrome Bagdads jüdische Gemeinde terrorisierten. Der Mob, organisiert von Rashid Ali al-Gaylani, ermordete irakische Juden, raubte sie aus und zerstörte ihre Häuser. Aber wie viele andere wurde Kehilas Familie von muslimischen Nachbarn geschützt.
Nach der traumatisierenden Erfahrung der Pogrome war die Reaktion der Juden unterschiedlich. Manche träumten von einer sozialistischen Revolution, welche die Diskriminierung automatisch beenden würde, und wurden so Kommunisten. Andere traten der zionistischen Jugendbewegung bei. Kehila entschied sich für Letzteres, sagt aber "Ich bin Iraker. Ich wurde im Irak geboren. Aber ebenso bin ich Israeli."
Shimon Ballas andererseits wurde Kommunist. Wir besuchten ihn in seiner Wohnung in einem sehr schönen Vorort von Tel Aviv. Er verließ den Irak 1951 und ist nun Schriftsteller. Übrigens hatten wir Shimon bereits "gesehen" - im Film Forget Baghdad www.forgetbaghdad.com , die Geschichte von vier jüdisch-irakischen Kommunisten, die in Israel leben. Ein wunderbarer Film, aber ich erinnere mich, nicht von der Behauptung der Dokumentation überzeugt gewesen zu sein, dass der Mossad ab 1950 eine Serie von Bombenanschlägen in Bagdad organisiert hätte, die drei Personen in der Shemtov Synagoge getötet hatte und schließlich zur Emigration von rund 130.000 irakischen Juden nach Israel führte. Aber Ballas besteht auf der Mossad-Theorie. Er ist ein brillanter Intellektueller, aber ich kann es noch immer nicht glauben.
Am nächsten Abend sind wir zu einem besonders köstlichen irakischen Abendessen im Hause eines Freundes in Tel Aviv eingeladen. Diese sind zionistische Irakis und ich versuche einen freundlichen Weg zu finden, unseren Gastgeber über die besagten Attentate zu fragen, da mir berichtet wurde, dass er für den Mossad arbeitete und half, die Evakuierung der irakischen Juden 1951 und 1952 zu organisieren. Er lächelt. "Niemand weiß es, es gab keine Beweise und am Allerwahrscheinlichsten wird es sie nie geben." Nach dem Krieg 1967 begannen die Baathisten mit der Exekution einer großen Anzahl der verbliebenen Juden. In seinem Buch Republic of Fear beschreibt Kanan Makiya die öffentliche Erhängung von Juden auf öffentlichen Plätzen in Bagdad im Jahr 1969.
Der Besuch verläuft in einem Strudel von Gesprächen. Gespräche mit Avraham Kehila über seine Nichte, die noch immer in Bagdad lebt und in den frühen 1950-ern zum Islam konvertierte um ihren geliebten Ehemann zu heiraten. Nachdem das Regime fiel, sagt uns Kehila, konnte er schließlich in Kontakt mit seiner Nichte treten, Briefe und Telefonate austauschen - aber die schreckliche Situation in Bagdad hat ihren Schatten über die gemeinsame Freude über den neuen Irak geworfen. Gespräche mit unserer Freundin Sari Bashi, eine glänzende irakisch-amerikanisch-israelische Anwältin aus Tel Aviv, die Palästinenser vor israelischen Gerichten verteidigt. Gespräche mit unserem Freund Leonardo Cohen - kein Sänger, sondern ein junger, säkularer, mexikanisch-israelischer Zionist, ein Experte für äthiopischen Geschichte und, wie sich zeigt, ein Experte um Besucher in Jerusalem herumzuführen.
Das Gefühl des Möglichen, das ich in diesen Gesprächen und im Enthusiasmus meiner irakischen Freunde empfand, wenn ich Nachrichten von ihren alten Nachbarn brächte , verblasst rasch bei meiner Rückkehr nach Wien. Wir nehmen die Schnellbahn in die Stadt und sehen gesprühte Hakenkreuze. Ich rufe meine Großmutter an um ihr zu sagen, dass ich sicher zurück gekommen bin. Sie möchte nichts von meiner Reise hören. "Du weißt doch, ich hab's nicht so mit d e n e n." Willkommen zu Hause, denke ich mir . Ich beschließe stattdessen lieber meine irakischen Freunde anzurufen und ihnen alles zu erzählen, was ich in Israel sah und hörte.