Chava Gurion
Rede an die Österreicher/innen
(Einer Historikerin Sehnsucht nach Polemik)
Daten, Zahlen, Fakten recherchieren, sammeln,
wissenschaftlich analysieren, interpretieren und mit einem klinisch sterilen
Kommentar, aus dem beliebige Laien das ihnen Beliebige herausquetschen können,
zu einem flüssig lesbaren Text zusammenfügen. Nachvollziehbar, Quellenangaben
direkt im Text, in Fuß- oder Endnoten, Zitierregeln beachten. Einmal davon frei
sein und nur reden dürfen…
Am 8. Mai 1945 kapitulierte die Deutsche Wehrmacht des
„Dritten Reiches“ bzw. des Deutschen Reiches, der Zweite Weltkrieg war beendet.
(Allgemeinwissen). Der Nazi-Terror des Hitler-Regimes war zerschlagen. Moment –
„Nazi“ ist eine pejorative Verkürzung, es heißt Nationalsozialist/innen oder
nationalsozialistisch, „Terror“ ist zunächst persönliche Interpretation und
muss auch im Abschreibeverfahren der bereits publizierten Texte von
schätzungsweise 5000-10000 wissenschaftlich anerkannten Autoren/innen) definiert
und bewiesen werden, „Hitler“ hieß möglicherweise „Hidler“
und für „Regime“ gilt dasselbe wie für „Terror“. Immerhin wurde Hitler/Hidler nach demokratischen Wahlen von Reichspräsident
Hindenburg zum Reichskanzler ernannt und mit der Regierungsbildung beauftragt,
wie in jedem anderen ordentlichen Staat auch. Also bitte, was heißt Regime!
Hätten wenigstens drei Gendarmen beim Einmarsch der
Deutschen Wehrmacht in Österreich im März 1938 zurück geschossen, dann wäre/n
Österreich/die Österreicher/innen schon bei der Moskauer Deklaration von 1943
besser und ohne Zusatzbemerkungen da gestanden und sogar die 60.000 – 600.000
vor 1938 in Österreich eifrig tätigen illegalen Nationalsozialist/innen wären
prompt in ihrer Rolle als erste Opfer anerkannt gewesen. Wer von denen wollte
schon den Anschluss an das Deutsche Reich „unter allen Bedingungen“ - und man
wird sich doch einmal im Leben idealistisch irren dürfen? Es herrschte ja „noch
immer große Arbeitslosigkeit und in den Gymnasien oder auf der Universität
waren von 30 Schülern/Hörern 27 Juden“ (Zeitzeugin M. I., Daten bei Autorin,
Name geändert) – da musste ja „etwas unternommen werden“.
Endlich vorbei, diese Feiern zum sechzigjährigen
Jubiläum des Kriegsendes in Europa. Die Österreicher/innen folgen ohnehin viel
lieber ihren repräsentativen Kräften, dargestellt von der derzeitigen
Bundesregierung, und feiern den fünfzigjährigen Staatsvertrag. Das hat etwas –
vor allem nur Sieger/innen. In einem endlich freien Staat leben nur Freie, also
Sieger/innen, egal, ob sie zehn Jahre vorher Befreite oder Besiegte waren. Sic transit gloria mundi. Nachdem in der österreichischen Bevölkerung auch
nach so langer Zeit kein wirklicher Konsens in der Frage des Befreitseins oder
Besiegtseins herrscht, könnte man ja schön langsam mit der Debatte aufhören.
Nun, die KZ-Häftlinge in Mauthausen, die sind ja „wirklich
vom Ami“ befreit worden, diese armen Menschen. Wenn alle Ostmark-Deutschen bzw.
alle Österreicher/innen das geahnt hätten, was da Grauenvolles passierte, wären
fast alle von ihnen schon damals empört gewesen. Aber was konnte man dagegen
machen? Sind Sie denn nicht empört? Niemals? Nie wütend und entsetzt über das,
was Ihre Regierung treibt, über Ihren Steuerbescheid, über Ihre berufliche
Situation, über die Parkplatzbewirtschaftung, über die Ungerechtigkeiten, die
Ihnen und Ihren Bekannten widerfahren, über die vielen Ausländer u.s.w.? Na und, was können Sie machen? Ja, Sie können alle
vier oder fünf Jahre wählen, ihre Lieblingspartei oder aus Protest auch eine
andere, aber es ändert sich im Großen und Ganzen trotzdem nichts, wenigstens
nichts zu Ihren Gunsten. Gratulation zur österreichischen Freiheit.
Nur die Aufbaugeneration – wir meinen damit die
österreichischen Menschen, die einerseits den Krieg in seiner Endphase noch und
das erste und schwerste Jahrzehnt danach voll miterlebt und gestaltet haben –
tut sich halt schwer mit dem Empfinden von Befreiung, wenn sie sich zwischen
Bombentrümmern und fremden Panzern das noch Rettbare zusammentragen und oft
auch noch selbst die Wasserleitungen ausgraben musste. DAS muss man der Jugend
weiter vermitteln – und zwar in alle Ewigkeit - dieses stille, verzweifelte
Heldentum der Kleinen und Fleißigen, die aus den Trümmern des Weltkrieges
Österreich mit eigenen Händen wieder aufgebaut und als freien, funktionierenden
Staat erst ermöglicht haben. Dafür hat jede folgende Generation zutiefst
dankbar zu sein. Es war ja alles hin, im Mai 1945. So ist das nach einem Krieg.
Was kann man gegen einen Krieg machen, als Kleiner, Fleißiger und Anständiger?
In fast allen Geschichtsbüchern steht doch deutlich: „Es brach ein Krieg aus…“.
Na hindern Sie den daran, versuchen Sie es! Der bricht einfach aus….
Aber das mit der Mitschuld am Krieg und an den Gräueln
des Nationalsozialismus, das kann man doch der Jugend nicht immer und immer
wieder vermitteln. Damit muss man doch einmal aufhören. Was können denn die
Eltern oder gar Großeltern der heutigen Jugend dafür, die damals noch Kinder
waren, oder noch nicht einmal geboren?
„Wir sind noch nie bei Rot über die Kreuzung gefahren,
also warum soll ich unseren Kindern und Enkeln erzählen, dass der Großvater
einmal bei Rot über die Kreuzung gefahren ist? Muss ja reichen, ihnen
beizubringen, dass man bei Rot nicht über die Kreuzung fährt. Man muss nur ein
gutes Beispiel geben.“ (Frau B. G., Daten bei Autorin, Name geändert). Dass
damals durch Schuld des Großvaters ein Radfahrer zu Tode kam und seine Witwe
mit drei Kindern zurück ließ, wäre vielleicht ein eindrucksvolles Beispiel, welche
Folgen Fehlverhalten haben kann, aber das sind spitzfindige Erziehungsmethoden
einer Generation, die sich nur ins gemachte Nest setzen brauchte.
Gesetze und Regeln muss man nur einhalten, nicht
verstehen. So funktioniert das freie Österreich seit nunmehr sechzig Jahren,
ohne Beanstandungen. Fast ohne Beanstandungen, um korrekt zu sein und das Jahr
2000 nicht zu verdrängen. Aber diese reflexartige, grundlose Beanstandung ist
den Beanstandern ohnehin auf den Kopf gefallen und
heute sogar peinlich. Haben Sie gesehen, wie nett Europavertreter jetzt Kanzler
Schüssel die Hände schütteln? Einmal muss mit allen Beanstandungen Schluss
sein. Nicht einmal Mörder werden ewig und über Generationen bestraft.
Gedenkfeiern und Bedenkfeiern – jedes Jahr fahren diese
Menschen nach Mauthausen, heuer, zum sechzigsten Jahrestag der Befreiung, waren
es besonders viele. Man kann das als echte/r Österreicher/in eigentlich schon
nicht mehr sehen. Da heißt es immer, nur die wenigsten Juden und Jüdinnen haben
das KZ überlebt, aber es fahren immer noch so viele von ihnen nach Mauthausen,
heute noch. Dass die noch leben? Die müssten doch mittlerweile auch schon tot
sein, auf natürlichem Wege gestorben. Aber im Fernsehen zeigen sie die immer
noch, immer wieder. „Ich kann dieses Holocaust-Geschäft und all die Juden schon
nicht mehr sehen, die sich ewig beklagen. Die sind ja selbst schuld daran, wenn
man sie schon wieder nicht leiden kann. Sie können und können keine Ruhe geben.
Noch immer wollen sie etwas zurück. Na, haben uns die Amis die Wasserleitungen
ausgegraben, die sie uns mit ihren Bomben zerschmissen haben? Nein, selbst
mussten wir das tun, Frauen und Kinder!“ (Cit. B.G. s.o.). „Der Ami war noch nie ein richtiger Soldat, nur Bomben schmeißen kann er.“ (Cit.
M.I. s.o.) „Hilfe? Die Care-Pakete
mit den stinkenden Bohnen in Dosen, samt Würmern, die hätten sie behalten und
selbst fressen können!“ (Dieselbe).
Moment – diese wackeren Österreicher/innen können „die
Juden“ wirklich nicht mehr sehen.
Nicht jene Millionen von Holocaust-Opfern, die in
Dokumentarfilmen als aufeinander geschichtete Leichen gezeigt werden, weil das
ein absolutes Grauen war und jede/r fünfte bis sechste der Österreicher/innen
vielleicht doch einen Vorfahr hatte, der zumindest etwas ahnte.
Nicht jene fünf bis sechs Juden, die gelegentlich im
Fernsehen auftreten dürfen, weil sie sich „entweder über Zustände in Österreich
beklagen oder gar etwas fordern wollen.“ (Cit. mult.)
Nicht jene wenigen, die sich als solche zu erkennen
geben, mit ihrem Bart, ihrer Kippa, ihren Schläfenlocken
und ihrem Kaftan. So schlendern sie über die Brücken des Donaukanals oder gar
diesem entlang, gehen einfach spazieren auf den Treppelwegen
– eine Provokation! - und schauen „verächtlich“
die Kleinen, Anständigen und Fleißigen an, die in wohl verdienter Freizeit die
erste Frühlingssonne auf ihre frei gelegten Cholesterinablagerungen scheinen
lassen. Ja, „die Juden wollen provozieren“, denn jeder anständige Pfarrer oder
Kardinal trägt beim Spaziergang einen normalen Anzug und zeigt nur bescheiden
seinen weißen Stehkragen zum schwarzen Hemd. Sogar die Muslimfrauen mit ihren
Kopftüchern sind da noch ein vertrauter Anblick. Kopftücher haben die Frauen
der österreichischen Aufbaugeneration „immer schon beim Hausputz getragen“.
Aber diese orthodoxen Juden, wie sie die um Wiener Steuergelder geschaffenen
Freizeit- und Grünzonen am Donalkanal einfach mitbenützen – statt wie normale
österreichische Hunde ohne Beißkorb an der Langlaufleine dort den Kot
abzusetzen, wo es nicht erlaubt ist, oder wie normale österreichische
Radfahrer/innen rücksichtslos auch auf den Gehwegen Fußgänger/innen anzurempeln
– gehen diese Juden dort nur, „provokant“
ordentlich, gesittet und leise, abweisend. „Sie können einem ja nicht einmal in
die Augen schauen“ (cit. mult.),
schauen durch einen durch, als wäre man nicht da. Das ist es ja, man kann ihnen
nichts vorwerfen, also kann man auch nichts gegen sie tun. Was heißt, die
schauen nur so, weil sie Angst haben? Lächerlich. Man hat doch eine
geschichtliche Verpflichtung, nicht mehr antisemitisch zu sein. „Es geschieht
den Juden doch nichts mehr!“ (Cit. mult.)
Und die restlichen paar Tausend Juden kann man nicht
sehen, weil die als solche gar nicht mehr erkennbar sind. Die sind die größte
Gefahr, weil man nicht weiß, wie viele es wirklich sind.
Zum Beispiel ich – ich steige als Frau natürlich nicht
„in Kaftan und mit Schläfenlocken“ in die Straßenbahn ein, nach Genuss von
Knoblauch oder Zwiebel putze ich mir die Zähne und versuche nett statt
provokant zu schauen. Geradezu gemeingefährlich getarnt bin ich. Man sieht
mich, obwohl man mich „schon nicht mehr sehen kann“, weil man mir nicht
ansieht, dass man mich nicht mehr sehen kann. Meist biete ich Menschen der
österreichischen Aufbaugeneration in der Straßenbahn sogar meinen Sitzplatz an
und die setzen sich dann nichts ahnend dort hin, wo mein jüdischer Arsch stumme
Beschuldigungen, Klagen und Forderungen gegen Österreich verdampft hat. Sehen
Sie, so kommen unschuldige, harmlose Österreicher/innen in Situationen, von
denen sie keine Ahnung haben.
Kann es im Nationalsozialismus hinsichtlich Holocaust
nicht ebenso gewesen sein? In Österreich wimmelt es von Familien, in denen es
damals absolut keine Nazis gegeben hat - na, vielleicht ein einziger entfernter
Großonkel war kurz bei der SS – und in denen inklusive diesem absolut niemand
Ahnung hatte, was in den Konzentrationslagern wirklich passierte.
So lange ich in keine Straßenbahn einsteige, ist alles
in bester Ordnung. Aber wenn ich einsteige, wollte man mich „am liebsten auch
nicht mehr sehen“, wüsste man, wer oder was ich bin. Auch bestens getarnt und
in breitestem Wienerisch redend, bin ich daher latente Provokation. Wissen,
Erkennen oder Ahnen bewirkt meine Metamorphose von der harmlosen Mitbenützerin
zur Möglichkeit, zum Andockpunkt für unerwünschte schlechte Erinnerungen.
Vielleicht hat ja meine Tante schnell noch einen Restitutionsantrag gestellt,
ich erbe dann von ihr die paar Euro und kaufe mir einen Ferrari darum.
Immerhin, auch um das Steuergeld von der armen Frau Mizzi, die das alles, wo
ich jetzt leben darf, mit eigenen Händen aufgebaut hat, aber weiterhin mit der
Straßenbahn fahren muss. Deshalb kann man – theoretisch – auch mich „schon
nicht mehr sehen“.
Gestatten Sie mir einen kurzen Ausflug in persönliche Emotionen
dazu. Ja, ich möchte solchen Menschen manchmal mit gespreizten Fingern die
Augen eindrücken, dann sehen sie wirklich keine Juden mehr. Es kostet mich in
diesen Fällen größte emotionale Anstrengungen, es nicht zu tun. Nur die
Gesetzeslage in unserem Rechtsstaat und noch mehr die jeweils anzuwendenden Gebote
der Thora halten mich ab, meinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Niemand ist
zur Selbstjustiz befugt.
Da waren die Befehlsempfänger des verbrecherischen
Naziregimes in eindeutig besserer Lage. Man muss sich das vorstellen. Etwa
einen vormaligen Hausbesorger, Jahre lang den Dreck anderer Leute oder gar von
Juden im Stiegenhaus wegputzen müssen, dann quasi über Nacht zur „Partei“, dem
„Führer“ ergeben, gutes Mundwerk gezeigt und schon Blockwart, vom Verachteten
zum Herrenmenschen, Herr selbst über die vormaligen, bürgerlichen Hausherren.
Umso besser, wenn das Juden waren, denen konnte er es dann richtig zeigen! Oder
ein vormaliger Niemand, Dank sonstiger Irrelevanz ohne soziale
Aufstiegschancen, aber körperlich ertüchtigt, von ausreichender Körpergröße,
mit arischem Stammbaum, tunlichst blond und blauäugig, dann aber plötzlich
„Elite“, privat zum Zuchthengst befördert, „hauptberuflich“ zur SS.
Befehlsempfänger mit Befehlsgewalt, Lizenz zum Quälen, Foltern und Morden inbegriffen.
Das tragfähigste und am verlässlichsten bindende Element innerhalb der
Naziideologie war individuelle Rachsucht des/der Einzelnen an den ihm/ihr überlegenen,
ihn/sie früher beherrschenden Gesellschaftsschichten. Nazi-Führer konnten sie
meist direkt ausleben, kleine Mitläufer konnten sie zumindest in stille
Schadenfreude umwandeln.
Die eigene Kleinheit, die eigene Ohnmacht spüren und
Abhilfe in einem bisher nie erdachten, anderen Großen suchen. In welchem
anderen Staat hätten Menschen anfälliger werden können für solche Ideologien,
als in diesem kleinen, deutschsprachigen Reststaat der zerfallenen
Doppelmonarchie 1918, amputiert von allem, was vorher Größe gab? Wo nichts mehr
wirklich passen wollte? Die Weite der revolutionären, sozialistischen Internationale
einer Arbeiter- und Industriegesellschaft nicht in die Enge der Berge, der
ruralen Landschaft; das liberale Großbürgertum einer einzigen, für den Staat
plötzlich überdimensionierten, für die Weltgeltung aber unterdimensionierten
Hauptstadt nicht in die internationalen Kapitalmärkte; eine große,
hauptsächlich von Juden getragene Kultur und Wissenschaft nicht in den
Kleinraster des faschistischen Ständestaates mit seinem Mikrokosmos der
Einparteienstruktur und Elitenauslese. Wer sich das Kleine beharrlich zur Größe
denkt, wacht erst auf, wenn etwas Größeres bei der Tür herein kommt. Oder war
schon zur rechten Zeit vorher dabei, bei diesem „Größeren“, das kam….
Entschuldigung, ich bin ein unmöglicher Mensch. Mir
wird auch im „Gedankenjahr 2005“ noch speiübel, mir kommt das Kotzen, wenn ich
mich kollektiv bei einer Menschengeneration für das Aufräumen der tragischen
Folgen ihrer ideologischen Massenverirrung bedanken soll, weil mir dabei die
Gedanken kommen, dass nur sehr wenige dieser kollektiven Rachsucht und dieser
kollektiven Schadenfreude widerstanden, aber viel zu viele sie aktiv auslebten
und die große Mehrheit doch irgendwie ganz gut damit zurecht kam.
Ich danke nur aus ganzem Herzen allen, die aktiv Widerstand
leisteten, den bekannten und den unbekannten. Allen, die passiven Widerstand
leisteten und sich erfolgreich allen Aufträgen entzogen, die das Nazi-Regime
stützten. Allen, die auch nur versucht haben, die vom Nazi-Regime Verfolgten zu
schützen. Aber nicht kollektiv allen „Trümmerfrauen“ und Zivilisten, die
unmittelbar nach Kriegsende mit dem Aufbau begannen, und nicht allen
österreichischen Frontsoldaten der „Deutschen Wehrmacht“, die ja nichts als
Befehle ausführten. In diesem Kollektiv
wären ja auch jene verborgen, die trotz „innerem Widerstand gegen die Nazis“
heimlich recht froh waren, dass „die Juden endlich weg waren“ – egal wohin.
Nach England, Amerika oder Palästina, wo sie
eigentlich hingehören.
Wo wir Juden eigentlich hingehören.
Ein unverbesserlicher SS-Veteran (H.H., Daten bei
Autorin, Name geändert), weit über achtzig Jahre alt heute, den zu kennen und
dem gelegentlich zuzuhören mich Wohnnachbarschaft wie meine derzeitige
Berufssituation nötigen, meinte einmal in „fröhlicher Runde“ anderer Kunden:
„Ohne Holocaust hätten die Juden heute ohnehin zu wenig Platz in Israel, denn
alle hätten die Amis sicher nicht aufgenommen.“ Zwei Leute lachten, drei
schauten betreten, ich ging Kotzen. Mein Arbeitgeber rügte den Mann, einen sehr
guten Kunden, mit Worten, die ihm das Wiederkommen jedoch leicht ermöglichten.
Wenn ich den angezeigt hätte, wäre ich meinen Job los. War ja nur als Witz
gemeint, unpassend, aber nicht bös. Jüdische Paranoia, die hinter jedem kecken
Witz gleich Wiederbetätigung mutmaßt, kann man im freien Wirtschaftsleben in Österreich
2005 nicht brauchen. Einmal muss Schluss sein, auch mit dem Verfolgungswahn der
Juden.
Immerhin, derselbe Mann möchte ja auch „den
Türkenweibern am liebsten die Kopftücher herunter reißen“, also geht es gar
nicht immer gegen mich, der ist nur ein österreichischer „Patriot“ der
Aufbaugeneration. Wobei er diese vereinnahmt, denn als es den ärgsten Schutt zu
räumen galt, saß er schon als NS-Belasteter im US-Camp Glasenbach
ein. Zu Israel hat er ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits meint er, in dem Sinne
„Zionist“ zu sein, als er möglichst alle Juden dort in ihrer Heimstätte haben
will (und eben nicht in Österreich), einerseits auch imponiert ihm die
militärische Stärke Israels –„wie die Israelis endlich die Bloßfüßigen in die
Wüste gejagt haben“, andererseits „zeigt ja der Umgang der Israelis mit den
Palästinensern, dass die Juden nicht besser sind als die Nazis, wenn sie die
Möglichkeit haben“. (Cit. H.H., s.o.)
Ich weiß gar nicht, warum ich mich so aufrege über solche alten Trotteln. Ein paar Monate, Jahre Geduld und sie
sind weg, dort wo SIE hingehören. Nicht genannt werden sie werden. Nur arische,
blaue Kornblumen werden auf ihren Gräbern wachsen, genährt von ihrer auf
zerfallenen DNA. Und trotzdem – ich kann und mag und will ihnen nicht verzeihen,
nie, niemals. So gerne hätte auch ich Großväter gehabt, Großmütter, alle Tanten
und Onkeln, eine große Familie, wie sie geboren wurde. Ja, ich bin subjektiv, einseitig
fokussiert, engstirnig, emotional, unmäßig, egoistisch. So viele Millionen
Kinder hatten oder haben auch heute noch nicht einmal Eltern, ganz ohne
Holocaust. Geschieht mir schon Recht, wenn ich als Kind keinen Großvater
adoptiert habe, am besten einen ganz normal katholischen von der
österreichischen Aufbaugeneration. Da hätte ich mir leichter getan in allem.
Hätte mich in seine Arme kuscheln können und er hätte mir Geschichten erzählt,
die schönen und richtigen. Nicht das Grausige, das ich in langen Jugendjahren
selbst herausfinden musste. Ich bin sogar so subjektiv und einseitig, dass es
mich wütend macht, dass die Enkelkinder von oben genanntem H. H. (SS-Division
„Das Reich“, Anm. der Aut.) sich heute in seine Arme kuscheln können und er
ihnen Geschichten erzählt, die schönen und richtigen.
Aber Sie meinen, das macht nichts, die werden sich
später nicht erinnern können? Wenn die alten Trotteln
weg sind, wird alles wunderbar sein in Österreich? Alles frei von
Antisemitismus, alles voll von Lipizzanern, Mozart, Schönbrunn, Kaisergruft, Belvedere,
Freiheitsverkündungsbalkonen aus bemaltem Styropor,
Staatsvertragsfaksimiledrucken auf T-Shirts und Kunstseidentüchern, Salzburger
Festspielen und Nockerln, Urlauben bei Freunden in Kärnten? Alle Arbeitslosen
werden mit Top-Gagen in der Nationalstolz-Industrie beschäftigt, die Wirtschaft
wächst nur in Österreich, es gibt keine Steuern mehr und der
Gedankenjahr-Kanzler Schüssel wird erblicher EU-Ratspräsident auf Lebenszeit?
Wenn die Erinnerungen endlich weg sind, bleibt nur
noch das Gedächtnis. Aber auch dafür gibt es moderne Lösungen – Sie wissen
doch, rechter Mausklick auf Papierkorb, linker Mausklick auf Papierkorb leeren.
Wollen Sie wirklich alle diese Dateien dauerhaft löschen? Mit linkem Mausklick bestätigen:
Ja.
Bliebe noch das europäische Problem mit dem Holocaust,
den wir Juden lieber Shoa nennen, aus Gründen, die für Europäer ohne Belang
sind. Den Holocaust, die Shoa, werden die Deutschen uns Juden nie verzeihen,
die Österreicher aber noch weniger. Die Shoa auf europäischem Boden - man kann
es drehen und wenden wie man will, man kann den Erinnerungen das Schweigen
heißen und das persönliche Gedächtnis entleeren, man kann bis zur Extase dieses
liebe, kleine Österreich groß feiern – die Shoa auf europäischem Boden wirkte staatsgründend. Für Israel.
Ja, es lebten im gesamten Verlauf der Geschichte, von
Abraham bis zum Zerfall des Osmanischen Reiches 1918, stets Juden auf beiden
Seiten des Jordans, auch nach dem Sieg der Römer über die Juden, auch nach dem
Fall von Massada, auch während der beginnenden Diaspora, lange bevor
nomadisierende Araberstämme auch dort sesshaft wurden, auch während der
mittelalterlichen Judenverfolgungen in Europa, besonders auch nach der
Vertreibung der Sephardim aus Spanien. Ja, es gab mehrere jüdische
Einwanderungswellen, aus dem zaristischen Russland wie aus dem zunehmend antisemitisch
werdenden Europa, schon um die Wende vom vorvorigen zum vorigen Jahrhundert in
das Osmanische Reich, in den Zwanziger- und Dreißiger-Jahren des eben
vergangenen Jahrhunderts in das britische Mandatsgebiet Palästina. Ja, der
Zionismus entstand aus den modernen europäischen Judenverfolgungen vor Hitler.
Ja, die drohende, bis damals größte Einwanderungswelle der Juden nach
Palästina, eine Folge der nationalsozialistischen „Nürnberger Rassengesetze“,
wurde zunächst „erfolgreich“ von den britischen Mandatsherren per „Weißbüchern“
gestoppt.
Aber erst nachdem die Welt das Unfassliche der Shoa in
Fakten, Zahlen, Daten, Beweismitteln zur Kenntnis nehmen musste, wurde ihr
klar, dass es keine andere internationale Lösung geben kann als einen eigenen
Staat für die Juden und sinnvoll dort, wo im gesamten Verlauf der Geschichte
immer schon Juden lebten und leben. Entschuldigen Sie bitte, dass wir nicht
alle schon dort sind. Das Land ist klein, sehr klein, genau 20770
Quadratkilometer. Ziemlich genau ein Viertel der Fläche des winzigen
Österreichs. Obwohl in der Welt zerstreut Juden leben, deren Zahl ein
Vielfaches der österreichischen Bevölkerung beträgt. In der angegebenen winzigen
Fläche Israels sind jene Gebiete nicht enthalten, die wir uns 1967, wieder
einmal von allen Nachbarstaaten angegriffen, in einem unserer
Verteidigungskriege siegreich „unter den Nagel“ reißen konnten, die wir zum
allergrößten Teil bereits – wie kein anderer Siegerstaat der Welt – ohne
ersichtlichen Vorteil zurückgegeben haben und deren Rest wir auch noch
zurückgeben werden, wenn sich dafür der Vorteil eines einigermaßen terrorfreien
Lebens für unsere Kinder wenigstens als Chance erhoffen lässt. Allerdings gibt
es nicht wenige rund um uns, in unseren Nachbarstaaten und auch in Europa, die
meinen, selbst die 20770 Quadratkilometer wären zu viel für uns, wir sollten
noch mehr zurückgeben, möglichst alles „vom Fluss bis zum Meer“, für ein
freies, arabisches Palästina, möglichst „judenrein“.
In diesem Fall müsste ich dann aber, wäre ich endlich
dort gewesen, wieder zurückkommen, wie wir alle, auch in Ihr schönes
Österreich. Muss aber wenigstens ich nicht, denn ich bin dann schon wieder oder
eben noch da, die längste Zeit meines Lebens bin ich noch oder schon wieder da.
Wie viele von uns. Haben Sie gemerkt, dass ich trotzdem die längste Zeit auch
„uns“ sage, wenn ich von Israel schreibe? Das liegt ganz an Ihnen, liebe
Österreicher/innen. Ich höre doch dauernd von allen Seiten von Ihnen: „Was ihr
Juden mit den armen Palästinensern aufführt, ist eine Sauerei!!!“.
Herzliche Glückwünsche zum Gedankenjahr.