Chava Gurion
Der europäische Dorn in Israels Busen
Religion und Weltgeschichtliches
Das Problem begann 63 v. Chr., als die heidnischen, europäischen Römer unter Pompeius durch militärische Gewalt Syrien eroberten, den heiligen Tempel in Jerusalem betraten und von da an das Heilige Land regierten, während die Germanen in heidnischen Sippen lebten, viele Naturgötter anbeteten, von der physischen Kraft ihrer Führer regiert wurden und die historischen Personen Jesus wie Mohammed noch nicht einmal eine vage Idee im Geiste des Allmächtigen waren. Daher begann das Diasporadrama der Juden mit der europäischen Idee der Welteroberung und Weltherrschaft, anfangs ausgeführt von den heidnischen, später christlichen Römern, die das griechische Modell der antiken Demokratie aufgegeben hatten und zur Politik der kaiserlichen Herrscher zurück gekehrt waren, bis im 18., 19. und 20. Jahrhundert die Ideen der Aufklärung bisweilen zögerlich in den europäischen Geist eindrang und schließlich nach dem 2. Weltkrieg der modernen Demokratie zur Geburt verhalf – als Europa in Ruinen lag, weil es das teuflische Werk von Herrschern und Führern viel zu lange toleriert hatte. Kein Wunder, dass die Shoa in Europa geschehen konnte, aber der Zionismus war keine Antwort allein darauf. Zionismus war die Antwort auf den europäischen Geist vieler Jahrhunderte. Die Shoa war das letzte und bei Weitem stärkste Argument des Nachkriegs-Zionismus. Europa ist der Dorn in Israels Busen.
Ja, das ist polemisch, aber nicht schlimmer als die Weltgeschichte neu zu definieren, auf Art der selbst ernannten "neuen Historiker" in Europa und sogar Israel, die interessanterweise erst jetzt und nicht früher heraus gefunden haben wollen, das jeder Palästinenser von heute seine Ahnen in den Chaldäern oder später in Kaaniten und Amoriten hatte, die - der Bibel entsprechend - von den Israeliten unter Joshua besiegt und vertrieben worden waren, viele Jahrhunderte bevor die heidnischen Römer eine vage Idee im Geiste des Allmächtigen waren. Interessant, dass für diesen historisch-religiösen Argumentationszweck nicht einmal im Koran, der Moses immerhin als Propheten der von Abraham stammenden Ein-Gott-Religionen anerkennt, das Schicksal der von den Israeliten eroberten und vertriebenen, armen, heidnischen Kaaniten Beachtung findet. Übrigens wird nicht einmal Jerusalem im Koran erwähnt. Aber wenn schon die Juden eine sehr lange Geschichte haben, weltweit anerkannt und Bestand der drei großen Ein-Gott-Weltreligionen, dann lasst uns doch die zweite betroffene Partei, die Palästinenser (eine politische Erfindung des 20. Jahrhunderts), bitte eine noch längere haben. Papier ist geduldig, wenn es gilt die Juden zu beschuldigen, und am geduldigsten, wenn das Ziel ist Israel zu beschuldigen.
Liebe und Hass der europäischen Rechten und Linken
Soweit Rassismus im demokratischen Europa auch intolerabel ist, kennen wir dennoch die Sticker "Ich liebe Inländer" aus Wahlkämpfen. Niemand würde wagen sich "Ich hasse Ausländer" anzustecken. Politische Korrektheit als System äußert sich in Liebe zum Gegenteil des geheim Verhassten. Die Rechten sind leicht zu durchschauen. Egal ob Art von Neonazi oder "Neue Rechte", sie haben einiges gemeinsam. Ihre Welt ist nicht bunt oder schattiert, sondern einfach schwarz und weiß. Sie sind von Angst und Neid erfüllt, fürchten von fremden Kulturen überschwemmt zu werden, den Kampf der Kulturen, in ihrem eigenen Land nicht mehr verstanden zu werden und am meisten, nicht mehr genug von ihrem Staat zu bekommen, weil sich "die Ausländer alles nehmen". Im christlichen Europa fürchten die Rechten heute am meisten das, was sie am meisten sehen: Muslime und – leider ohne Unterschied - auch islamischen Fundamentalismus, soweit er sich auch hier offen zeigt und das friedliche, konservative Europa bedroht. Sie fürchten die Juden nun nicht mehr so sehr, aus einem einfachen Grund: Seit der Shoa und als Ergebnis beträchtlicher Migration aus islamischen oder arabischen Staaten sind heute Juden nicht mehr so präsent, nicht mehr so viele. Juden haben gelernt unauffällig in Europa zu sein und den Mund zu halten. Die "Vaterlandsliebe" der extremen Rechten kann auch EU-Gegnerschaft und Antiamerikanismus auf Basis des (auch linken) Antikapitalismus und Antiimperialismus, verbunden mit Antisemitismus und Israelfeindlichkeit verschleiern. Wie auch immer, die Angst vor Muslimen in Europa scheint so stark, dass sich manche radikale Gruppen leider bemüßigt fühlen, "die Juden vor den radikalen Muslimen zu schützen". Andere wieder hissen die palästinensische Flagge in ihrem Garten um gegen Israels Politik zu protestieren und behaupten, keine Antisemiten zu sein.
Obwohl die Linken zu sehr ähnlichen Resultaten kommen können, ist ihr Zugang meist komplexer, intellektueller und in verschiedenen ihrer Theorien begründet, während die Rechte mit Populismus und Schwarz-Weiß-Malerei auch in die Herzen sehr einfacher Leute dringen kann. Die Linke blendet oft bewusst aus, dass der frühe Zionismus von sozialistischen Theorien abgeleitet wurde und vor allem Arbeiter zur Emigration nach Palästina veranlasste, die als unterdrückte Minderheit im Osmanischen Reich und später unter Mandatsherrschaft das Land zivilisierten. Aus Sicht radikaler Trotzkisten verlor Israel vielleicht seine "marxistische Unschuld" durch erfolgreiche militärische Verteidigung in fünf Kriegen. Sicher war der Nahostkonflikt auch eine Projektion des Ostwestkonfliktes im Kalten Krieg. Aber heute? Die Friedensbewegung der Linken heute ist einäugig und voreingenommen, weil sie nur gegen den Westen, die USA und Israel Antimilitarismus, Antiimperialismus und Antinationalismus predigt. Ihre Unterstützung der "Armen und Unterdrückten" führt sie so zur gar nicht hinterfragten Unterstützung der Palästinenser, sie verweigert die Wahrnehmung, dass Terrorattacken der Hamas gegen israelische Zivilbevölkerung militaristisch sind, die Verwendung internationaler Finanzhilfe für die Bewaffnung von Terrorzellen militaristisch ist und die große, unterstützende Arabische Liga nicht weit von Imperialismus entfernt ist.
Dialog in Österreich ist anders
Das ist leider nicht in jede Richtung ein Kompliment. Dieser Tage im April erklärte der österreichische Präsident Heinz Fischer in seiner Rede vor dem Nobel-Institut in Oslo unter anderem zum Nahost-Konflikt, die Schlüsselfrage wäre das friedliche Nebeneinander von Israel und Palästinensern, er habe selbst erlebt, als Bruno Kreisky in den siebziger Jahren in sämtlichen Gesprächen mit Arafat und anderen Vertretern der arabischen Welt das Existenzrecht Israels in sicheren Grenzen betont habe. Auch er selbst, Fischer, denke, dass es keine geborenen Terroristen gäbe und Terrorismus in erster Linie aus Verzweiflung, Ungerechtigkeit und Hoffnungslosigkeit entstehe. (Quelle: Der Standard, 18.04.2007, S. 39)
Wenn dies der Fall ist, sei dazu hier die Frage erlaubt, ob Gerechtigkeit einfach darin besteht, jedem bedingungslos das zu geben, was er fordert, damit er nicht Terrorist wird.
An diesem Wochenende veranstaltete das Theater in der Josefstadt eine Matinee "für eine Kultur des Friedens in einem Klima der Angst", unter dem Motto "Frauen gegen den Terror", organisiert von "Frauen ohne Grenzen", die einen "Dialog eröffnen wollen um die Stimmen von Frauen zu hören, die Opfer, Zeitzeuginnen und Friedensaktivistinnen sind". Bundeskanzler Gusenbauer sprach zur Eröffnung, eine Referentin war Zeinab al Saffar, das "junge, weibliche Gesicht" des wöchentlichen Politikprogrammes "In their Eyes" des Fernsehsenders Al Manar in Beirut , des Medienkanals der Hisbollah. Laut Organisatorin Edit Schlaffer war es unmöglich, zum Auftakt der Diskussionsreihe auch israelische Frauen einzuladen: Bis zu fünf Jahre Haft verhängt die libanesische Hisbollah, wenn Landsleute mit Israelis in einem Raum zusammentreffen. (Quelle: Der Standard, 23.04.2007, S. 18).
Während der Dialog mit dem Islam fast überall durch eine Vielzahl untereinander zerstrittener Islam-Verbände erschwert wird, hat Österreich als einziges europäisches Land eine offiziell anerkannte Vertretung aller Anhänger des Islam. Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) ist in Islamfragen der einzige offizielle Ansprechpartner des österreichischen Staates und der Medien.
Österreichs Politiker und Vertreter der IGGiÖ bezeichnen den österreichischen Weg in der Öffentlichkeit als vorbildlich. Die Muslime fühlten sich integriert, es gebe einen verlässlichen und repräsentativen Ansprechpartner, islamischer Fundamentalismus sei im Gegensatz zu anderen Ländern in Österreich nur ein Randthema. (Quelle: Jüdisches Medienecho, 23.04.2007).
Gegen den dabei eventuell störenden Dialog mit österreichischen Juden oder gar Israelis wehrt sich Österreich jedoch bisher erfolgreich mit den Mitteln und der Hilfe der FPÖ, deren pejorative Auslassungen gegen Repräsentanten der IKG oder wissenschaftliche Institutionen wie das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands bereits zeitgeschichtliche Dimension erreicht haben und von FPÖ-Repräsentanten immer wieder aktualisiert werden, aber das österreichische Demokratieverständnis nicht beeinträchtigen.
Auch Ignoranz ist demokratisch.