„Eine deutsche Mutter für Österreich“

Von Chava Gurion

Was sich für viele zunächst liest wie die drohende feindliche Übernahme der gesamtösterreichischen Wirtschaft durch einen deutschen Megakonzern und auch „nationalhygienisch“ eher nach Warnung vor einer nächsten „Schweinegrippe“ klingt, ist tatsächlich als aufrüttelndes Angebot aus der ganz rechten Ecke gemeint. Nämlich wörtlich. Keine Sorge, Angela Merkel bleibt deutsche Bundeskanzlerin. Seit einigen Tagen haben wir die Gewissheit: das Angebot ist die frühere Hausfrau und zehnfache „deutsche“ Mutter Barbara Rosenkranz, staatsbürgerschaftsrechtlich gesehen Österreicherin und, im Hinblick auf den statistischen Durchschnitt ihrer Geschlechtsgenossinnen mit 1,2 Kindern und zumindest teilweiser Berufstätigkeit, Übermutter und atypisch Beschäftigte. Nun, da der, dem „traditionellen Familienbild“ entsprechend fleißig in die Welt gesetzte, leibliche Nachwuchs nicht mehr so sehr der übermütterlichen Fürsorge bedarf, möchte Barbara Rosenkranz Repräsentantin bzw. der „Grüß-August“ für ganz Österreich werden. So beschreiben rechtsradikale Medien wie etwa die „Alpen-Donau-Info“ (1) die Funktion des österreichischen Bundespräsidenten, die somit aber nicht nur wegen der intellektuellen Zumutbarkeit, sondern auch aus anderen Gründen die Kandidatur von Barbara Rosenkranz für dieses Amt bejubelt und unterstützt.

Kindperspektive
Jetzt wissen wir Österreicherinnen und Österreicher - trotz unserer Verbildung durch die „Systempresse“ – aus Erfahrung und Gewohnheit von Wahlwerbung aus der äußersten rechten Ecke, dass diese durchwegs in der Kindperspektive mit einfach überschaubaren Gegensätzen operiert. Vielleicht mit ein Grund, warum auch Mutti Rosenkranz sich bisher noch nie von derart einschlägigen politischen Inhalten abgegrenzt hat. Zwischen sie und die rechtsradikale Gedankenwelt der neuen Ewiggestrigen passt bestenfalls eine Ausgabe der „fakten“, der Postille ihres Ehemannes Horst Jakob Rosenkranz. „Inländer statt Ausländer“, „Pummerin statt Muezzin“, „Apfelstrudel statt Limosprudel“, „Erdäpfelkas statt Türkenfraß“ – so oder ähnlich quillt es von Werbeplakaten der FPÖ, wie auch dem Hauptpoeten der Kronenzeitung, Wolf Martin, oft von Zunge. Einfach ehrlich, einfach einfältig. Wir haben folglich im konkurrenzierenden Rennen um die Hofburg schlicht überschaubare Gegensätze zwischen dem Kandidaten und der Kandidatin zu suchen, die uns letztere, die „deutsche Mutter“, schmackhaft wie Erdäpfelkas machen sollen.

Es lebe der Unterschied
Schlau eingefädelt, denn Mutter kann der derzeitige Amtsinhaber mit absoluter Gewissheit nicht mehr werden, schon gar nicht mehr bis zur Wahl. Und wer sehnt sich in dieser bösen Welt, zu diesen bösen Zeiten im ganz, ganz bösen System nicht nach einer Mutti? Deutsch kann Heinz Fischer auch nicht werden, denn er ist, entsprechend den Vorbedingungen aus der Bundesverfassung, österreichischer Staatsbürger, allerdings deutscher Muttersprache. Es kommt also offensichtlich auf subtilere Unterschiede an, sonst hätte man Kandidatin Rosenkranz, etwas holpriger und keinen Gegensatz anzeigend, als „deutschsprachige Mutter“ anpreisen können.


Mehrerlei Deutsch
Exkurs: Was sich der Wahrnehmung schlichter „Blut-und-Boden“-Gemüter meist entzieht, ist die Tatsache, dass im Ostjudentum, bei den Aschkenasim, etliche Familien bis heute den Namen Deutsch tragen, einen Herkunftsnamen nach der mittelalterlichen Vertreibung der Juden nach Osteuropa, für deutschzüngige Länder rückübersetzt, aschkenas heißt nämlich deutsch. Dem entgegen könnten Unwissende oder entsprechend pejorativ Vorkonditionierte der Kriegs- und Nachkriegsgenerationen den Namen Rosenkranz irrtümlich leicht mit jenem des durch den „Bockerer“ berühmt gewordenen, jüdischen Herrn Rosenblatt verwechseln. Weit gefehlt, das Gegenteil ist der Fall und beabsichtigt.

„Rassisch einwandfrei“
Wer sich nämlich aus zeitgeschichtlichem oder politologischem Interesse in die geistigen Niederungen einschlägiger Webseiten begeben muss, errät zumindest aus der „Alpen-Donau-Info“ unweigerlich, was mit dem gepriesenen Kontrastprogramm der „deutschen Mutter“ wirklich gemeint ist, nämlich „deutschblütig rein“ bis zum letzten Blutstropfen, durch sämtliche für den „Ariernachweis“ erforderliche Generationen, wenn nicht bis zu den Nibelungen zurück. Das kann man natürlich nicht ganz so klar hinschreiben, ein paar Reißleinen zu diesem Thema hat sich unsere Nachkriegsrepublik ja doch einfallen lassen. Und der auf der „Alpen-Donau-Info“ sogar ausformulierte Gegensatz zum eigenen Angebot ist – Überraschung! – „jüdisch“. Wobei man zum „Bildnachweis“ dieses Attributes sich nicht entblödet, Fotos von offiziellen Veranstaltungen mit dem Bundespräsidenten ins Netz zu stellen, wo aus örtlicher Gegebenheit und Tradition alle männlichen Teilnehmer ihren Scheitel mit einer Kippa zu bedecken haben. Werte männliche Leser, hüten sie sich also davor, etwa als Agnostiker, beim Begräbnis eines christlichen Freundes - aus Anstand und Rücksicht auf dessen Tradition - in der Kirche den Hut abzunehmen. Sie könnten sich per Foto irgendwo als Radikalchrist dargestellt finden. Was dem FPÖ-Obmann bekanntlich eher willkommen wäre als den Rechtsradikalen. Das ist auch genau der fette Punkt, der zwischen Strache und seine „Grüß-August“-Kandidatin passt, wie wir noch sehen werden.

Schachteldenken
Das kindgerechte Denken in wenigen, aber übersichtlich geordneten Schachteln ist eine Spezialität der Blut-und-Boden-Getreuen, auch um den intellektuellen Zugang zu rechtsrechten Inhalten zu erleichtern. Es ist, nebenbei, auch als soziale Gerechtigkeit zu verkaufen. Motto: „Uns muss jeder verstehen, der Mann von der Straße, der einfache Arbeiter, die Hüterin des heimischen Herdes, also jeder, der als Inländer schon einmal diskriminiert wurde“ – sei es, weil ihn ein Türkenjunge bei der Rechenschularbeit nie abschreiben ließ, sei es wegen drei Bier hintereinander am Arbeitsplatz, oder sei es, weil man ihm wegen seiner Kampfhunde keinen Sitzplatz in der U-Bahn überließ. Es muss also „ganz klar“ nachvollziehbar sein, dass die vom „System Benachteiligten“, von den „Systemparteien Unterdrückten“, all die Fortschrittsverlierer aus „Fremdverschulden“, also alle schlichten Gemüts, sich nach einer deutschblütigen Mutti zu sehnen haben, die wieder Ordnung in ihre Schachteln bringt.

„Übermutti“ im „traditionellen Familienbild“
Frau Rosenkranz ist zehnfache Mutter. „Und das allein macht sie schon verdächtig“, empören sich die Rechtsrechten (2). Ja, schon, aber wessen? Kommen nicht gerade aus der rechten Ecke ständig geifernde Vorwürfe, wie „die Ausländer mit ihren vielen Kindern unser Sozialsystem ausnützen, oft von der Familienbeihilfe allein leben können, ohne arbeiten zu müssen…“, also „Sozialschmarotzer“ wären? Nur, weil sie ein „traditionelles Familienbild“ haben, zu dem sich auch Barbara Rosenkranz in ihrer Selbstdarstellung zur Kandidatur deutlich bekannte. Selbstverständlich ist das in ihrem deutschblütigen Fall ganz anders zu verstehen. Es ist nicht ihre Schuld, im falschen Jahrhundert zu leben, um mindestens 80 Jahre zu spät dem „deutschen Vaterlande“ geschenkt worden zu sein. Nicht Häme wie bei den „Ausländerrabauken“, sondern höchste Ehren in Form des „Mutterkreuzes 1. Klasse in Gold“ (tatsächlich: Metallteile vergoldet) hätten sich über sie ergossen. Bei festlichen Anlässen sichtbar „am blau-weißen Bande am Hals zu tragen“. Welch treffliches Symbol für all die Kinder, die „Übermutti“ damals am Hals hatte. Wir sollten aber nicht anstehen, die heutige praktische Umsetzung des „traditionellen Familienbildes“ mit Kinderreichtum auch als löbliche Privatmaßnahme gegen die „Überfremdung“ und „Umvolkung“ (3) zu sehen. Als „Nein zur Ausländerflut“ im Sinne ihres Ehemannes Horst Jakob Rosenkranz. Als Krieg der „deutschen“ Gebärmütter gegen die der „Türkenweiber“, „Lebensborn“ auf Privatbasis.

Eher untraditionelle Familienpraxis
Wir dürfen mutmaßen, dass Barbara Rosenkranz die ihr zustehenden Sozialleistungen aus der „Hängematte des Systems“, also in ihrem Fall die beachtliche Familienbeihilfe (das zusätzliche Kärntner „Muttergeld“ war, lokal bedingt, wohl nicht anwendbar), sicher nicht nach Art „ausländischer Sozialschmarotzer“ verwendet hat, sondern höchst ehrenvoll, zur alleinigen Versorgung ihrer Kinder, allenfalls zur kleinen Unterstützung ihres karrieremäßig nicht sonderlich aufgefallenen Ehemannes. Dessen deutliches Karrierehindernis war wohl jener österreichische „Systemfehler“, der politische Aktivitäten am äußerst rechten Rand wenig goutiert und Arbeitgeber manchmal doch veranlasst, sich auch von den „Ehrlichen und Fleißigen“ zu trennen, wie auch das Magazin „NEWS“ mutmaßte, ihn als oftmaligen Kunden des Arbeitsamtes outete und ihn als „Zentralfigur der heimischen Rechtsextremistenszene“ (4) bezeichnete.(5) Heute ist H. J. Rosenkranz „Privatier“, Hausmann, hat sich aus der Öffentlichkeit weitgehend zurückgezogen, tritt aber wiederholt bei Veranstaltungen der FPÖ als Redner auf. Eine „echt freiheitliche Familie“, wo jeder eben das tut, was er am besten kann. Die Butter auf das Brot kommt wohl vom Landesrätinnengehalt der Frau Barbara, wobei der Präsidentinnenjob endlich für sozial gerechten Ausgleich sorgen könnte.

Verhaltenskreative Traditionalistin
Nachdem die „Blut-und-Boden-Getreuen“ ohnehin „ihre“ Barbara wählen werden, war das Angebot dieser Kandidatin der FPÖ eher in Richtung christliches Bürgertum gemeint, das den „bekennenden Agnostiker“ (6) Fischer nicht wählen möchte. (Zur Erinnerung: „Christliches Abendland“, Strache, Kreuz und Erwachsenenfirmung des H.C.). Nun hält es aber Barbara Rosenkranz in diesem Punkt eher mit den Traditionen der höchst unseligen und hoffentlich doch einmal überwundenen NS-Zeit, da zumindest „Parteigenossen“ aus den Amtskirchen austraten, „gottgläubig“ wurden, ihre Kinder nicht mehr taufen ließen und allenfalls als „Kellerchristen“ beteten. In Seebarn, der Heimatgemeinde der Rosenkranz, erklärte Ortspfarrer Edwin Weidinger gegenüber „NEWS“, die laut Strache „heilige“ Barbara sei schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten, sie wäre seit vielen Jahren nicht mehr bei der Sonntagsmesse gewesen und er habe auch ihre Kinder Alwine, Arne, Hedda, Hildrun, Horst, Mechthild, Sonnhild, Ute, Volker und Wolf nicht getauft. Barbara Rosenkranz lasse sich nur „beim Pfarrfest“ sehen, wo sie „mit ihrer Familie in der ersten Reihe sitzt“(7) . Nun, solche Gesichtsbäder zum guten Zweck der politisch vermarktbaren Präsenz kennt man auch von anderen Politikern und Politikerinnen zur Genüge. Bei den „Ehrlichen, Anständigen und Fleißigen“, die unverdient aus dem „System“ gefallen sind, ist das aber als klar verhaltenskreativ zu bezeichnen, als Jam-Session höchst unterschiedlicher Traditionen.

Klare Worte – nein danke!
Dazu der Bundespräsident: 'Bundespräsident Heinz Fischer hat am Donnerstag in Klagenfurt klare Worte zum Vorstoß der FPÖ-Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz gefunden, die das Verbotsgesetz aufheben will: "Jemand, der sich zur Zweiten Republik bekennt, kann das, was während des Zweiten Weltkrieges passiert ist, weder gutheißen, noch lobpreisen, noch verherrlichen." Fischer will daher eine "Feuermauer" errichten. […] Er betrachte das Verbotsgesetz als Beitrag zu dieser Klarheit. "Es ist nicht so, dass es verboten wurde, eine harmlose Diskussion zu führen", so Fischer. Verboten worden seien die NSDAP, die SA, die SS und daran angelehnte Organisationen. Verboten sei auch die Neuerrichtung solcher Vereinigungen, das dritte Verbot besage, dass man keine derartigen Handlungen setzen dürfe und "das vierte Verbot bedeutet, dass man die Verbrechen, die während des Nationalsozialismus geschehen sind, nicht gutheißen oder verharmlosen darf", erklärte Fischer.’ (8) Auch Kardinal Schönborn fand klare Worte, Rosenkranz sei für ihn nicht wählbar: 'Kardinal Christoph Schönborn hat sich am Freitag deutlich von der FP-Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz distanziert. "Wenn sich jemand für ein hohes Amt in diesem Land bewirbt und in der Frage des NS-Verbotsgesetzes oder in der Frage der Shoa einen Spielraum offen lässt, dann ist so jemand für mich persönlich nicht wählbar", sagte Schönborn wörtlich. Zugleich zeigte er sich auch überzeugt, dass hier alle österreichischen Bischöfe mit ihm übereinstimmen würden. Der Wiener Kardinal äußerte sich im Rahmen der Pressekonferenz zur Frühjahrsvollversammlung der Österreichischen Bischofskonferenz, die am Donnerstag in St. Pölten zu Ende gegangen ist.’ (9)
Bleibt nur noch die Frage, für wen - außer für „Kellernazis“ - Frau Rosenkranz überhaupt wählbar ist. Jeder Prozentpunkt für sie wird ein brauner Fleck auf dem internationalen Ansehen Österreichs sein.

06.03.2010

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(1) Alpen-Donau.Info v. 03.03.2010

(2) Ibid.

(3) © Andreas Mölzer.

(4) NEWS Nr. 9, Printausgabe vom 4. März 2010, S.18ff.

(5) Horst Jakob Rosenkranz war Funktionär der Nationaldemokratischen Partei (NDP), die wegen Verstoßes gegen das Verbotsgesetz vom Verfassungsgerichtshof aufgelöst worden war, sowie der Partei Ein Herz für Inländer und Spitzenkandidat der gemeinsam mit Gerd Honsik gegründeten Liste „Nein zur Ausländerflut“ im Nationalratswahlkampf 1990, die ebenfalls wegen NS-Wiederbetätigung von der zuständigen Kreiswahlbehörde in Wien (später vom VfGH bestätigt) nicht zur Nationalratswahl zugelassen wurde. Zu Beginn der Neunzigerjahre übernahm Rosenkranz die Obmannschaft des als revisionistisch geltenden Vereins zur Förderung der ganzen Wahrheit, war er Vorsitzender der Partei Kritische Demokraten und Unterstützer des überparteilichen Volksbegehrens Österreicher für Österreich, ist Herausgeber der vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes als rechtsextrem eingestuften Zeitschrift Fakten, hielt auch wiederholt Vorträge für die ebenfalls als rechtsextrem eingestufte Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik (AFP). Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Rosenkranz

(6) Alpen-Donau.Info v. 03.03.2010 und Heinz-Christian Strache beim politischen Aschermittwoch in Ried im Innkreis. Quelle: NEWS Nr. 9, Printausgabe vom 4. März 2010, S.18ff.

(7) NEWS Nr. 9, Printausgabe vom 4. März 2010, S.18ff.

(8) Auszug aus: APA0400 5 II 0247 - Siehe APA0158/04.03 Do, 04.Mär 2010

(9) OTS0163 5 II 0126 KAT0003, Fr, 05.Mär 2010 KATHPRESS/Kirchen/Politik/Bundespräsidentenwahl/Schönborn/Rosenkranz