Es war die Länge (des Kommentars unserer Autorin und Historikerin Chava Gurion), der die Redaktion "Der Standard" in angeblich schwere Entscheidungskonflikte ob der Veröffentlichung stürzte, also kein "Lercherl"...

In der Online-Ausgabe am 22. Mai 2008 http://derstandard.at/?url=/?ressort=60jahreisrael und in der Printausgabe des "Standard" am 23.Mai 2008, Seite 30, erschienen als "KOMMENTAR DER ANDEREN" unter dem Titel "Heldenmythen statt Geschichtsbewusstsein?" und dem Untertitel: "...die Beiträge zu den Friedenschancen in der Region Israel von Außenministerin Ursula Plassnik (14. 5.) und Botschafter Dan Ashbel (15. 5.) bleiben nicht unwidersprochen" ein Kommentar "Was der Botschafter verschweigt" von Fritz Edlinger und "Einseitige Lobeshymne aus dem Außenamt" von Omar Al-Rawi. Diesem nicht nur einseitigen, sondern auf falschen Fakten basierenden "Israel-Bashing" wollte die Autorin ihren historischen Kommentar zur Korrektur entgegen setzen und sendete diesen schon am gleichen Tag, am 23. Mai 2008, an Chefredaktion und leitende Redakteure des "Standard", dies (aus Erfahrung) allerdings ohne jede Hoffnung auf Veröffentlichung.

Während ihre sämtlichen Beiträge zum Nahost-Konflikt, sowie auch Repliken auf die leitende Redakteurin des "Standard", Gudrun Harrer, von der sie vielleicht schon in deren Einseitigkeit als "ungute Zionistin" reflektiert wird - und seien es auch noch so kurze Fünfzeiler - mit redaktioneller Totalignoranz belegt werden, erfreuen sich dagegen ihre Leserbriefe zu allen möglichen anderen und auch banalen Themen seitens Leserbriefredaktion großer Beliebtheit bzw. der Veröffentlichung. Daher sendete sie am 26. Mai 2008 eine Kurzversion ihres Kommentars auch als Leserbrief, mit der Bemerkung, hinsichtlich Veröffentlichung diesmal (weil Nahost-Thema) völlig hoffnungslos zu sein. Ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt. Nahe zu ebenso schelmisch antwortete ihr der Leserbeauftragte des "Standard", Otto Ranftl: "Sehr geehrte Frau [...] Lassen Sie nicht alle Hoffnung fahren – ich bemühe mich, versprechen kann ich leider jedoch auch nichts. Es ist die Länge Ihres Textes, ich habe die erste Version vor Augen, die eine rasche Veröffentlichung behindert hat. Auch die gekürzte Version erhebt sich noch deutlich über die Länge eines Leserbriefes. Für den Gastkommentarteil gilt, dass der Anlass, der Gründungstag Israels, nun auch schon einige Zeit zurück liegt. Ich werde mich mit meinen Kollegen besprechen, vielleicht findet sich ja eine Möglichkeit. Ich würde Sie in diesem Sinn gerne enttäuschen.Mit freundlichen Grüßen. Otto Ranftl..."

Dem antwortete die Autorin wie folgt: "Lieber Herr Ranftl, der Anlass meines historischen Kommentars ist
nicht der Gründungstag Israels, sondern sind die beiden am 23.05.2008 erschienenen Kommentare
von Fritz Edlinger und Omar Al Rawi, die zu widerlegen sind, weil sie sowohl den Herrn Botschafter Israels als auch unsere Frau Außenministerin unqualifiziert kritisieren. Das erscheint mir am 26. Mai noch nicht "eine Weile
zurückliegend", wenn man die eintägige Wochenend-Redaktionspause berücksichtigt. ;-)))) Herzliche Grüße, [...]"
Dies weiterhin ohne jede Hoffnung auf Veröffentlichung. Wir verstehen: Ein Leserbrief muss noch kürzer sein und ein Gastkommentar muss, auch als Replik auf andere Gastkommentare gehalten, noch in überschaubar zeitlichem Zusammenhang mit dem erstkommentierten Ereignis stehen. Noch deutlicher: Die Senfbeigaben Edlingers und Al Rawis zum 14. bzw. 15. Mai waren am 23. Mai sehr aktuell, eine Replik auf diese am 26. Mai jedoch schon in meilenweiter Ferne, besonders wenn man bedenkt, dass der 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels dort und auch weltweit noch im ganzen Jahr 2008 kommentiert und Anlass für viele weitere Veranstaltungen sein wird, im Juni, im Juli,....

Auf irgendeine Weise muss diese Einsicht auch in die Redaktion des "Standard" eingesickert sein, denn online erschien doch unter http://derstandard.at/?url=/?id=3355182 29 am 29. Mai (!) und in der Printausgabe am 30. Mai - nicht als Leserbrief, sondern als Gastkommentar - "Die Vergesslichkeit mancher Israel-Kritiker". Ein Nachtrag zum 60. Jahrestag der Gründung Israels, in Erwiderung auf Fritz Edlinger, von Theodor Much. Vielleicht lag es ja daran, dass sich dieser - im Gegensatz zur Autorin - nur mit Fritz Edlinger und nicht auch mit Omar Al Rawi, u. A. SPÖ-Mandatar im Wiener Gemeinderat, anlegte??? Wir werden es nie erfahren....

Hier können sie den Volltext unserer Autorin Chava Gurion nachlesen:

Was ein Generalsekretär nicht sieht

Es entspricht offensichtlich der neuen Blattlinie des Standard, ausgerechnet zu den Gründungsfeierlichkeiten des Staates Israel nicht nur einseitigem Israel-Bashing unter dem Stichwort „Naqba“ breitesten Raum zu geben, sondern ein „Geschichtsbewusstsein“ auch noch mit langen Gastkommentaren einzumahnen, deren Verfasser ihre Funktionen nicht gerade mit ihrer Höchstqualifikation als Historiker erlangt haben, während Beiträge anderer Positionen zu diesem Thema meist ganz negiert oder bestenfalls bis zur Entstellung verkürzt in die Leserbriefecke entsorgt werden.

So ist der Kommentar von GÖAB-Vorstandsmitglied Dipl. Ing. Omar Al Rawi [Der Standard, 23. Mai 2008, S. 30] als logische Wahrnehmung wenn nicht Überschreitung seiner Aufgaben als Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich und Abgeordneter der SPÖ Wien zu sehen – nicht alle Palästinenserinnen und Palästinenser sind Muslime, nicht alle arabisch-muslimischen Staaten sehen in Israel nur „Staatsterrorismus“, mit dem nicht Frieden zu schließen wäre. Es fällt auch schwer, eine palästinensische Demokratie zu loben, die nicht einmal mit der jährlichen, internationalen Hilfe an die PA in Milliardenhöhe in der Lage ist, Ansätze zum Aufbau selbstständiger Infrastrukturen und einer Wirtschaft mit eigenen Arbeitsplätze zu zeigen, sowie die Armut der Bevölkerung wenigstens dort zu lindern, wo die vor mehr als zwei Jahren gewählte Regierung bereits souverän herrscht, anstatt diese internationale Milliardenhilfe zu großem Teil auch in die Aufrüstung gegen Israel zu stecken.

Peinlich wird es, wenn dem eher durch seine antizionistisch motivierte Reflexionsresistenz als durch geschichtswissenschaftlich relevante Publikationen bekannten Fritz Edlinger an gleicher Stelle [Der Standard, 23. Mai 2008, S. 30] „einige historische Korrekturen“ erlaubt werden, die auch nur als Wahrnehmung wenn nicht Überschreitung seiner Aufgaben als Generalsekretär der GÖAB zu sehen sind – nicht alle arabischen Staaten und schon gar nicht alle Araber, ja nicht einmal die Palästinensische Autonomiebehörde in ihrer Gesamtheit selbst werfen sich so unbedarft und feurig wie er in die Verteidigung von Hamas & Co., wenn es darum geht, mit der flotten „Einstaatenlösung“ deren wahren Anspruch auf Vernichtung des Staates Israel verharmlosend zu verkaufen. So wie „viele, darunter auch prominente israelische Historiker […] die […] vom offiziellen Israel als 'selbsthassende’ Nestbeschmutzer diffamiert werden“, von denen er selbst jedoch nur Ilan Pappe und deren Vorreiter Simcha Flapan zitiert und die große Überzahl internationaler und israelischer Historiker, die sich seinem Tunnelblick nicht anzuschließen vermögen, selbstverständlich nicht nennt.

Da behauptet Edlinger u. A. anhand einer von ihm nicht näher belegten Zitierung des Josef Weiz aus 1941, es sei der Beweis erbracht, "dass die Zionisten das gesamte 'historische Palästina’ (Eretz Israel) in Besitz nehmen wollten…“. Dies ist jedenfalls durch den Mandatstext des britischen Palästina-Mandates von 1920 nachvollziehbar, das die historische Verbindung des jüdischen Volkes mit Palästina anerkannte, die "jüdische Einwanderung erleichtern und eine dichte Besiedlung des Landes fördern" sollte und sich eben über das gesamte historische Palästina erstreckte, von dem die Briten erst 1921 das autonome Emirat Transjordanien östlich des Jordan abgeteilt hatten. Ein weiterer Teilungsplan für das als jüdische Heimstätte vorgesehene historischen Palästina, der von den Briten nur angesichts der seit spätestens damals [1] herrschenden arabischen Unruhen und Massaker unter dem späteren Großmufti Al-Husaini angedacht wurde, scheiterte bereits 1937 (Peel-Kommission), wie auch jede folgende Möglichkeit, etwa 1939 (MacDonald-Weißbuch) und eben 1947 (UN-Resolution 181), den arabischen Palästinensern einen eigenen Staat zu verschaffen, an der Ablehnung der arabischen Bruderstaaten.
Man darf auch nachfragen, warum die Palästinenser ihren eigenen Staat auch nicht bekamen, als ihre Gebiete bis 1967 unter jordanischer bzw. ägyptischer Hoheitskontrolle standen, warum ihre politische Führung ab 1970 aus Jordanien, Ägypten, dem Libanon und Tunesien hinaus komplimentiert und ihre zivilen Flüchtlinge seit 1948 von keinem arabischen Nachbarstaat integriert wurden, sondern bis heute künstlich in der Erbärmlichkeit von Lagern gehalten werden.

Diese "historischen Korrekturen“ übersieht Edlinger, während er von den "Zionisten“ ganz genau weiß, dass sie "die Annahme des Teilungsplanes [1947] lediglich als ersten Schritt zur Erreichung ihrer wahren Ziele verstanden“. Dem sei die Antwort Arafats in Johannesburg [2] 1994 (nach Unterzeichnung des Abkommens von Olso) gegenüber gestellt, warum er die erklärte Haltung der muslimischen Welt, das Verbot, mit Israel Frieden zu schließen [3] verraten habe: Er habe nur das getan, was der Prophet Mohammed vor ihm getan habe. [Mohammed schloss mit den Einwohnern Mekkas vom Stamme der Kureisch einen 10-jährigen Frieden, den er nach drei Jahren, als er sich stark genug fühlte, brach, worauf alle Einwohner der Stadt mit dem Schwert ermordet wurden.] Er verwies auch auf die Pflicht jedes Muslims Kompromisse einzugehen, wenn er schwach sei, sein endgültiges Ziel aber nicht aufgeben dürfe, wenn der Tag der Rache käme. Unter diesem Aspekt sind auch vage Andeutungen der Hamas hinsichtlich einer möglichen hudna (eines Waffenstillstandes) mit Israel zu sehen.

Man kann sich nicht ganz des Eindruckes erwehren, dass Fritz Edlinger – trotz teilweise gegebener historischer Ausbildung – noch immer der alten Idee anhängt, man könne zuerst ein gewünschtes politisches Ziel formulieren – hier ein antizionistisches Israel-Bashing ohne Berührungsängste zu Trotzkisten und Radikalinskis – und dann erst dafür mundgerechte, historische Einzelfakten suchen, aus ihrem Kontext reißen, wie auch Unbelegtes zweckdienlich einbringen. Das ist weder heldenmythisch, neu oder "postmodern“ geschichtsbewusst, sondern ein vormodernes politisches Ejakulat, ohne das auch Gaza leben können wird.

[1] Arabische Nachbarn überfielen unter Vernichtungsabsichten schon 1886, unter Herrschaft des Osmanisch-Türkischen Reiches, Petah Tikva, die erste in Nähe Jerusalems gegründete jüdische Siedlung.

[2] Aus dem Briefwechsel zwischen Dov Ben-Meir, ehemaliger Vizepräsident der Knesset, und Autoren des „Manifest der 25“, Stand August 2007.

[3] Darauf basierend auch die drei berühmten arabischen Neins von 1967 auf Israels Angebot eines Friedensabkommens samt Rückgabe der besetzen Gebiete, die erst die Siedungstätigkeit dort in Gang setzten!