LANDNAHME
DER GESCHICHTE Von Chava GURION Wien ist anders. Wien wurde anders. Abgesehen von topografischen, historischen, kulturellen, mentalitätsbedingten, folkloristischen, infrastrukturellen und zukunftsorientierten Eigenheiten, verfügt Wien über eine besondere politische Struktur. Wien ist Stadt, Metropole, seine Legislative wird daher von einem Gemeinderat ausgeübt. Wien ist aber zugleich auch das neunte Bundesland der Republik Österreich, dessen legislative Gewalt im Landtag liegt. Gemeinderat und Landtag sind de facto personell ident. Die Landes- und Stadtregierung wird von Stadträten ausgeübt. Sämtliche dieser Funktionen sind seit 1945, über viele Legislaturperioden in absoluten, vereinzelt in nur relativen Mehrheiten, fest in Händen der Wiener Sozialdemokratie oder dem, was sie immer noch als solche selbstreflektiert. 2008 ist, abseits von EURO-Fussballmeisterschafts-Veranstaltungseuphorie und eines rechtzeitig eintreffenden Oscar-Filmpreises, für ganz Österreich ein Jahr der runden historischen Bedenklichkeit, dem politisch Korrekte niemals den Charakter eines „Jubiläums“ zu geben wagten. Peinlich genug, dass der reale Jubel über den Anschluss an den NS-Staat Hitler-Deutschland im März 1938 nicht marginal war und dessen Dokumentation nicht mehr aus den Archiven zu löschen ist. Also gedenkt man der Opfer des Nationalsozialismus und des Krieges, in den die grauenhaft realisierte nationalsozialistische Wahnidee auch die „Donau- und Alpengaue“ führte. Gestern noch – in sehr freier Anlehnung an den großen und immer wieder gut zitierbaren Karl Kraus – fiel mir zum Wiener Landtag in seiner aktuell dargebotenen Gestalt „nichts ein“. Es macht einen großen Teil eines um Kultiviertheit bemühten Menschen aus, seine Emotionen wenigstens öffentlich im Zaume zu halten und besser vorerst zu schweigen als diesen durch unmittelbare Ausübung des sich Aufdrängenden Ausdruck zu verleihen. Allzu leicht wird man sonst zum öffentlichen Ärgernis, wenn der Mainstream einen Skandal anders oder sogar gegenteilig interpretiert als man selbst. Ach, nur einmal im Leben ein Mann sein und das Wasser ungehindert dort abschlagen können, wohin es die empörte Seele leiten möchte… Der Wiener Landtag lud kürzlich zu einer von dessen Erstem Präsidenten Johann Hatzl organisierten und verantworteten „Gedenksitzung …im Gedenken an die Ereignisse des März 1938, die zum Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland geführt haben, und besonders im Gedenken an jene Wienerinnen und Wiener, die Opfer des faschistischen Terrors, aber auch des Krieges wurden“ (Cit.), die am 10. März 2008 stattfinden wird. Nach einleitender Musik eröffnet und redet der Erste Präsident Johann Hatzl (SPÖ) selbst, dem musikalischen Intermezzo folgen Worte des Gedenkens von Dr. Hubert Jurasek von der ÖVP-Kameradschaft der politisch Verfolgten (namens der drei Opferverbände), vom Vorsitzenden des Volksgruppenbeirates der Roma Prof. Rudolf Sarközi, der ideologisch ebenfalls der SPÖ zugeordnet werden darf, und von Irma Trksak, einer Überlebenden des Frauen-KZ Ravensbrück, die in einem sozialdemokratischen Elternhaus aufwuchs, sich im tschechischen Arbeiterturnverein organisierte, im politischen Widerstand der tschechischen Minderheit wirkte, auf einem Todesmarsch flüchten konnte, und in heutigen Zeiten (in einem Interview mit dem KZ-Verband Lasallestraße im Oktober 2005, http://oesterreich-2005.at/projekte/1143303416/1143309939), die Jugend vor den keimenden und groß werdenden „faschistischen Organisationen“, etwa „im Irak, Iran, den ganzen Ländern, Israel u.s.w.“ (Cit.) warnen möchte. Dann folgt wieder Musik vor der Ansprache des Bürgermeisters und Landeshauptmannes Dr. Michael Häupl. Im Ausklang gibt es Schlussworte vom Vorsitzenden des Wiener Gemeinderates Godwin Schuster (SPÖ), dann wird gemeinsam die Bundeshymne angestimmt. Fällt Ihnen etwas auf? Nun, man könnte der jüngsten Entwicklung der Wiener Sozialdemokratie folgend einwenden, dass diese hier die Chance nicht nützt auch ihre erfolgreichen Integrationsbemühungen hinsichtlich der Muslime zum Ausdruck zu bringen. Ihren sonst omnipräsenten, eigenen Wiener Gemeinderat und Landtagsabgeordneten Omar al Rawi (SPÖ) lässt sie im Gedenken an die Märztage 1938 nicht zu Worte kommen. Immerhin wurde die Islamische Glaubensgemeinde in Österreich schon 1912 gesetzlich anerkannt. Vielleicht hätten sich mit mehr Solidarität und Mühe ja auch ein paar palästinensische, Pardon, damals noch arabisch-muslimische Opfer des „faschistischen Terrors“ in Österreich nachweisen lassen können, wenigstens als politisch Verfolgte? Rassisch wurden muslimische Araber ja trotz semitischer Sprache nicht verfolgt, im Gegenteil, sie wurden durch ausdrücklichen Beschluss von der „Rasse“ der Semiten ausgenommen und die Verwendung des Begriffes „Antisemitismus“ hatte mit Weisung vom 17. Mai 1943 aus Berlin zu unterbleiben. „…Mit der Verwendung dieses Wortes wird immer die arabische Welt getroffen, die nach Aussagen des Großmufti überwiegend deutschfreundlich ist…“ (Quelle: Poliakov/Wulf, Das Dritte Reich und die Juden, Frankfurt/Main, Berlin, 1983, S. 369). Alles klar. Keine arabisch-muslimischen Opfer. Das meinen Sie nicht? Sie vermissen das Gedenken an die jüdischen Opfer bei dieser geschichtsträchtigen Sitzung? Dann gehören Sie, wenn Sie nicht selbst zu den Familien Betroffener zählen, zu jener scheinbar immer weniger werdenden Sorte von Menschen, an denen Begriffe wie Holocaust oder Shoah doch nicht ganz spurlos vorbei gingen und in deren Gedächtnis Juden und Jüdinnen als zahlenmäßig weitaus größte Opfergruppe des nationalsozialistischen Terrors noch präsent sind. Nicht so im Wiener Landtag. Vertreter der Juden wurden zum „Gedenken“
nicht eingeladen. Vielleicht wollte man die Möglichkeit des Thematisierens
aktueller Konfrontationspunkte, wie etwa den Zustand der jüdischen
Friedhöfe oder die ziemlich freche Präsentation vermuteter Raubkunst,
von vornherein ausschließen. Negativ. Der Skandal ist irreparabel und bleibt an seinen Verursachern haften. Wir Juden und Jüdinnen müssen nichts bedenken, bedürfen keiner selbst organisierten Gedenkveranstaltung. Wir selbst sind heute noch ausreichend erinnert. Wien, Im Februar 2008 |