RECHT UND
UNVERHÄLTNISMÄSSIGKEIT
Chava Gurion
Israel und die
österreichischen Rezeption des Nahostkonfliktes im Juli 2006,
mit einem Ausblick auf die „mentale
Arisierung“ der Palästinenser durch die FPÖ.
Manchmal
wäre es vielleicht klüger, nicht im Recht zu sein.
Jedenfalls
ist es völlig sinnlos, das europäisches Verständnis – und in Europa besonders
das österreichische Verständnis – für Israels Militäroperationen im Libanon
fördern zu wollen, indem man
Europäern
und besonders Österreichern die phantasievolle Vorstellung abverlangt, sie
wären in einem Konflikt mit einem Nachbarstaat täglich selbst betroffen.
Es
wäre auch unfair gegenüber den jüngeren Generationen, anhand der Geschichte des
20. Jahrhunderts wieder und wieder an die eher zu Konsens neigende
österreichische Mentalität in der Außenpolitik zu erinnern, die – als ein
Beispiel - 1938 auf Regierungsseite in weiser Erkenntnis ihrer militärischen
Ohnmacht, leider auch mit unüberhörbarer Begeisterung in Teilen der
Bevölkerung, statt sich offiziell wenigstens ein bisschen zur Wehr zu setzen, lieber
jener übermächtigen NS-Gewalt wich, die dieses friedliebende Volk der
Österreicher dann doch in einen schrecklichen, opfervollen Krieg zwang. Mehr
als das, es unter langer Vorbereitung deutsch-national Gesinnter und
NS-Illegaler im vormals eigenen Land verhältnismäßig überzeugend zwang, in die corporate identity des
deutschen Volkes zu schlüpfen und als Teil dessen in überproportional hohem
Ausmaß eine aktive Rolle in der Shoah zu übernehmen, im industrialisierten Genozid am
jüdischen Volk. Das war damals verhältnismäßig opportun.
Es
genügt völlig, das heutige Österreich zu betrachten, das aus seiner Geschichte
gelernt, viele international anerkannte Friedensvermittler und eine
unüberschaubare Menge privater Friedensbewegter hervorgebracht hat, ein über
jeden Verdacht erhabener Rechtsstaat ist, eine untadelige Demokratie westlicher
Prägung und christlicher Werte, eingebettet in die Friedens- und
Wohlstandsfestung der Europäischen Union.
Nein,
die Vorstellung von über Jahre zu erduldendem Raketenbeschuss eines feindlichen
Nachbarn auf Laa an der Thaya,
Zwettl, Illmitz, Eisenstadt, Ferlach,
Klagenfurt, Steinach, Innsbruck, Schruns oder
Bregenz, die Vorstellung von eigenen Kindern, die nur in unterirdischen Gängen
den Weg in die Schulbunker wagen können, von eigenen Verletzten, Getöteten,
zerstörten Häusern, das ist dem demokratischen Geist der österreichischen
Friedensseele viel zu abstrakt und daher unzumutbar. Nicht zu reden von der
Vorstellung, irgendeine politische Gruppierung wollte – unterstützt von anderen
Staaten in der näheren Region – den Staat Österreich „von der Landkarte tilgen“ und ganz für sich
beanspruchen. Eher gelingt es einem Komapatienten, sich selbst am Fuß zu
kratzen, als diese Vorstellungen in österreichische Köpfe zu bringen.
Hier
lebt man in einem Land, in dem regionale und lokale Nachbarschaftskonflikte in
mehrsprachigen Ortstafeln, in Lärmbelästigung durch Schanigärten oder
Stereoanlagen, Hundekot auf Gehsteigen und Beschattung durch zu hohe
Grenzhecken ihre Höhepunkte der Auseinandersetzung finden.
Hier
bestraft auch der Rechtsstaat die Unverhältnismäßigkeit der Gegenwehr
verhältnismäßig strenger als die Attacke oder die Provokation selbst, wie an
etlichen, der österreichischen Friedensseele näher liegenden, Beispielen
dargestellt werden könnte, hätte man Zeit und Lust für Banales.
Die
Aufnahmefähigkeit für etwas Unbanales - wie eine sachliche und vor allem
ausgewogene Argumentation zum Nahostkonflikt, sei sie noch so gut mit Daten und
Fakten belegt - hier in diesem glücklichen, friedlichen, unbedrohten, Konsens
liebenden, gerechten und auch ziemlich selbstgerechten Land muss (nach vielen diesbezüglichen Versuchen
und Ansätzen) als verhältnismäßig gering bezeichnet werden und scheitert meist
– mit wenigen anerkennenswerten Ausnahmen - auch an emotionalen Hürden, an
immanenten Versatzstücken aus der österreichischen Vergangenheit. Selbstverständlich
hat man dem Antisemitismus als größtes Pfui dieser Geschichte hier von offizieller
Seite her längst abgeschworen. Selbst der latente Antisemitismus hat, unter
Zuhilfenahme journalistischer Argumentationslinien und Zurechtbiegen
statistischer Werte aus Meinungsumfragen, in den letzten Jahren doch
abgenommen.
Gut,
dass es Israel gibt, den Ahasver-Bock der internationalen Staatengemeinde,
dessen Politik man bequem von jedem Wohnzimmersessel aus kritisieren darf, ohne
den Nachweis wenigstens allgemeinen Grundwissens erbringen zu müssen, und gegen
dessen Vorgehen (sei es nach innen oder außen) man jederzeit unter
Mobilisierung aller Empörung, deren ein konsensualer Typ und friedlicher Mensch
fähig ist, protestieren darf, ohne auch nur eine einzige mentale
Beziehungslinie zur Nahost-Region zu haben. Bei dieser Ausgangslage der
schrankenlosen, individuellen Zuständigkeit für die Beurteilung Israels ist es
nachvollziehbar, dass sich fast jeder, der schon einen Badeurlaub in Elath
verbracht, mit einer Kur am Toten Meer seine Schuppenflechte behandelt oder die
Grabeskirche in Jerusalem fotografiert hat, bereits als Nahost-Experte verstehen
kann. Dass Israel ein jüdischer Staat ist, in dem also Juden in großer Mehrheit
leben und für die zu kritisierende Politik verantwortlich sind, hat doch nichts
mit Antisemitismus zu tun, ist ein emotionaler Nebeneffekt oder geschichtlicher
Zufall, an dem Österreicher oder Europäer ja nicht schuld sind. Oder doch???
Im
Elfenbeinturm österreichischer Neutralitätspolitik konnte die Sehnsucht nach
Konsens in allen Situationen so gut gedeihen und sich in der Mentalität verankern,
dass sich Konsenslösungen über Jahrzehnte in allen öffentlichen Bereichen
durchsetzten, sei es in den Regierungsformen der Großen Koalition, sei es im
Paradoxon der Sozialpartnerschaft, in der Justiz mit der deutlichen Vorliebe
für den gerichtlichen Vergleich im Zivilrecht sowie im Strafrecht das Bemühen
um Verständnis für Täter und milden Strafvollzug, ja sogar in privaten
Bereichen, wo Konflikte um des Bildes nach außen hin lange erduldet, verdrängt
oder verdeckt wurden und werden, statt sie aufzuarbeiten und auszutragen.
Gerade
in diesem Umfeld der deutlichen Konfliktscheue ist es aber für jeden Menschen
schwierig, Konflikte Anderer zu erkennen, tiefer liegende Ursachen von äußeren Anlässen
zu unterscheiden, die Verhältnismäßigkeit von Provokationen und Reaktionen fair
zu beurteilen und eine alle Aspekte gerecht einbeziehende Stellung dazu zu
nehmen. Viel leichter ist es, sich auf nur eine Seite zu schlagen, aus Gründen
der Menschlichkeit natürlich auf die des offensichtlich Schwächeren (oder als
Schwächeren Dargestellten), und dafür die ohnehin nicht erkannte, mögliche
Schieflage des eigenen Urteils in Kauf zu nehmen.
Alle
Versuche, die israelische Position erklären und vermitteln zu wollen, sind
ohnehin sinnlos, denn egal wie Israel handelt, in den Augen der großen Mehrheit
der Weltöffentlichkeit ist es ist immer das Falsche. Wenn der Ministaat Israel
von jener schon vor ein paar Jahren als „größter Störer des Weltfriedens“ geoutet wurde, als wäre das Bedrohungspotential, das von
viel größeren, bereits atomar bewaffneten Staaten wie Nordkorea oder atomare
Bewaffnung wahrscheinlich anstrebenden wie dem Iran ausgeht, eine Lappalie,
warum sollte gerade das von Konsens geprägte und für Populismus ohnehin anfällige
Österreich von dieser Linie abweichen? Warum sollte ausgerechnet Österreich
erkennen können, dass es im Nahen Osten längst nicht mehr um Israels
vollständigen Rückzug auf die Grenzen von 1967 geht, wie ihn die meisten
europäischen Friedensbewegten fordern. Selbst ein darüber hinaus gehender Rückzug,
etwa auf den Teilungsplan der UNO von 1947, wie es manche österreichische
Palästinenserfreunde in ihrer Realitätsverdrängung der letzten sechzig Jahre
fordern, wäre der radikalen arabischen Seite nicht genug, da sie diesen
Teilungsplan schon damals einseitig ablehnte, was alle ihre europäischen
Unterstützer verdrängt haben. Heute gilt: „to wipe
off Israel from the map“.
Mitverantwortlich
für diese antiisraelische Stimmungslage ist aber die Unverhältnismäßigkeit in der
österreichischen Berichterstattung zum aktuellen Konflikt, besonders in den
Informationssendungen des ORF, aber auch in einigen Tageszeitungen. Hier wird
die österreichische Fleißaufgabe zum - fast - gesamteuropäischen Anliegen
gemacht, eine oppositionelle Grundhaltung in der EU-Bevölkerung zu fördern, die
gegen die USA – als einzige und mächtigste Unterstützer Israels – gerichtet ist.
Abgesehen von deren Anhängsel in Weltpolizeifragen, Großbritannien, und
Deutschland, dem noch immer unterstellt wird, sich nur aus historischen Gründen
mit Israelkritik eher zurückhalten zu wollen oder müssen. Quasi freiwillig die
israelische Position zu verstehen oder gar zu verteidigen wäre ja ein
„uneuropäischer“ Standpunkt. In
Österreich dagegen, Jahrzehnte lang aufgebaut im politischen Klima der Geschichtsklitterung
und erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts davon wenigstens offiziell genesen,
kann man nach jenem Bekenntnis und der ohnehin erfolgten Entschuldigung endlich
wieder die Sau gegen Israel heraus lassen, wenn sich der Anlass ergibt. Diese
Haltung ist verhältnismäßig risikoarm, ist doch die jüdische Gemeinde in
Österreich eine winzige Minderheit, und sind doch auch die wenigen, sich mit
Israel solidarisch erklärenden, kleinen Gruppen österreichischer „Gutmenschen“,
die sich auch aus aktuellem Anlass nicht zum Antisemitismus zurück bekehren
lassen, weder gesellschaftlich noch politisch ein beachtlicher Faktor.
Der
Vergleich macht uns sicher. Versierter Journalismus macht sich längst das
Faktum zunutze, dass der in einer Turboinformationsgesellschaft lebende und
daher des langen Lesens und genauen Zuhörens längst entwöhnte Medienkonsument
lieber Bilder sieht, weil die individuelle Analyse und Rezeption von Texten
doch anstrengt und vor allem jener Oberflächlichkeit entgegen steht, mit der
man in kürzester Zeit auch alle anderen Neuigkeiten aufnehmen könnte. Die sich
in den Hirnen (auch ungewollt) festsetzende Hauptbotschaft wird heute nahezu
ausschließlich über Bilder und Schlagzeilen transportiert. Wer die Gelegenheit
nützte, schon von Beginn der Kämpfe im Libanon an die Informationssendungen der
deutschen Kanäle mit jenen des ORF zu vergleichen, glaubte sich in zwei völlig
divergierte Realitäten versetzt.
Dort
zeigte man Zerstörungen im Libanon wie im Norden Israels, Angriffe der
israelischen Armee und deren Treffer, wie Angriffe der Hisbollah und deren
Treffer auf ein Kriegsschiff, die Raketentreffer im Norden Israels und Haifa,
brachte ausführliche Interviews mit libanesischen wie israelischen zivilen
Überlebenden, Stellungnahmen des israelischen Premierministers Olmert wie die des Hisbollah-Führers Nasrallah
(ohne seine Auslöschungsdrohungen gegen Israel heraus zu schneiden), zeigte
israelische Panzer wie die aufmarschierende Guerilla-Armee der Hisbollah,
machte auf die Schwierigkeit aufmerksam, deren in Wohnsiedlungen versteckte
Stellungen zu treffen, zeigte libanesische Flüchtlinge aus dem Süden wie
israelische aus dem Norden, die ihre Kinder nicht mehr dem jahrelangen
Dauerbeschuss der Hisbollah aussetzen wollten – alles in ziemlicher Ausgewogenheit
des Entsetzens.
Hier
zeigte man nur Zerstörungen im Libanon, die Stereotype der wehklagenden
Muslimfrau im Tschador vor den Trümmern eines
Wohnhauses, des verletzten muslimischen Kindes, des libanesischen
Geschäftsmannes vor seiner zerstörten Existenz. Man brachte mehrere,
ausführliche Interviews mit libanesischen
Überlebenden und Flüchtlingen, ja sogar mit deren österreichischen
Angehörigen, begleitet von eindrucksvollen Bildern der Opfer der „israelischen
Aggression“. Für die Raketentreffer und Toten auf israelischer Seite war da in
den ersten beiden Wochen nur mehr Platz in Form einer kurzen Erwähnung – ja,
auch Haifa wurde getroffen… Die österreichischen Printmedien folgten zunächst
diesem asymmetrischen Schema, dem sich nicht einmal die so genannten
Qualitätszeitungen entzogen. Es sollte dem „Sensationsmagazin“ NEWS (Nr. 29 und
30) vorbehalten bleiben, auch Hisbollah-Agression und
Zerstörungen in Israel in Bildern nahe zu bringen. Erst dann fühlte sich die
Tagespresse mehr oder weniger bemüßigt, auch diese Seite des Krieges etwas
näher zu beleuchten. Der ORF passte sich zögerlich dem „Objektivierungstrend“ etwas
an – so knapp wie möglich, so ausführlich wie nötig, bis heute ohne tatsächlich Ausgewogenheit zu bringen.
Bevor
diese Milderung der Asymmetrie jedoch eine Chance auf Wahrnehmung hatte,
passierte der israelischen Airforce – zum großen Leid
der Betroffenen, zum „Glück“ aller Israelgegner – der Bombentreffer auf den
unbewaffneten UN-Beobachtungsposten im Südlibanon, nahe an der israelischen Grenze,
und kostete vier UN-Soldaten das Leben. So schrecklich und bedauerlich der
Vorfall ist, wäre es nur angemessen, mit Stellungnahmen bis zur restlosen
Aufklärung zu warten, wie sie von offizieller Seite auch mit Recht eingefordert
wird. Doch die österreichische Volksseele kocht seither wütend gegen Israel, vor
allem, weil eines der Opfer ein österreichischer UN-Soldat ist. Hätten alle
vier Opfer aus dem fernen Indien oder einem andern Staat des geringeren
nationalen Interesses gestammt, dann hätte man sich vielleicht auch hier die
Nebenfrage gestellt, warum die unbewaffnete UN-Beobachtertruppe nicht schon
längst aus dem Brennpunkt des akuten Kriegsgeschehens zurückgezogen worden war.
Auch hier wird von Kritikern, an erster Stelle UN-Generalsekretär Annan,
Ursache mit Wirkung verwechselt und werden eigene Versäumnisse, wie zumindest
stark verzögerte Reaktionsfähigkeit der UNO selbst, hinter einer von Emotionen
getragenen Schuldzuweisung an Israel versteckt. Seit dem Rückzug Israels aus
dem Südlibanon 2000 hatten diese UN-Posten die Aufgabe, den Waffenstillstand zu
überwachen und Raketenangriffe der Hisbollah auf Nordisrael zu verhindern. Dies
ist ihnen sechs Jahre lang nachweislich überhaupt nicht gelungen, also warum
waren sie auch nach all den Warnungen Israels, das Kampfgebiet zu räumen,
überhaupt noch dort? Weiters darf nicht vergessen werden, dass der Einsatz als
UN-Beobachtungsposten in Krisen- und Waffenstillstandsgebieten nur auf
freiwilliger Basis, in vertraglicher Zeitverpflichtung von Berufssoldaten
geleistet wird, denen das ihnen bekannte, erhöhte Risiko auch entsprechend
abgegolten wird. Dennoch wurde hier in Österreich die Empörung über den Vorfall
weidlich dazu genützt, endlich wieder einmal unreflektierte Israelkritik
abzusondern und latenten Antisemitismus durch Verbalinjurien gegen alle Juden
an die Oberfläche zu befördern.
Dazu
kommt, dass die aktuelle Nahost-Krise ausgerechnet in ein österreichisches
Wahljahr fällt. Sie füllt dem Journalismus daher nicht nur das gefürchtete
Sommerloch, das sonst ganz der Unangemessenheit von Yachtausflügen oder
Radlerhosen von Kandidaten gewidmet werden müsste, sondern erspart auch die
innerösterreichische Auseinandersetzung mit ebenso aktuellen, aber weitaus
komplexeren Themen wie etwa die atomare Aufrüstung des Iran, allerdings nicht
ohne dass sich dabei die journalistische Katze in den Schwanz beißt. Der Iran,
der offiziell und in aller Deutlichkeit die Vernichtung Israels anstrebt (aber,
ebenso wie die internationale Terrororganisation Al-Kaida,
damit die USA und die westlichen demokratischen Werte meint), ist sich in
dieser Zielsetzung der Unterstützung Syriens (und neuerdings auch des
Ölproduzenten - !!! - Venezuelas) sicher, beliefert wie Syrien die Hisbollah
mit Raketen (neunzig wurden allein an einem der vergangenen Tage auf Nordisrael
abgefeuert) und wird (ebenso wie Syrien, dieses z.B. vom libanesischen
Drusenführer Joumblad, sh. Der Standard, 28.07.06, S. 3) mit
einiger Berechtigung verdächtigt, auch die Entführung der israelischen Soldaten
angezettelt und somit zum für ihn richtigen Zeitpunkt die aktuelle Krise
ausgelöst zu haben, um von den internationalen Verhandlungen über sein
Atomprogramm abzulenken. Wer mit der verhältnismäßig hohen
Verteidigungsbereitschaft Israels kalkuliert, liegt immer richtig. Im kleinen
Israel auch den Stellvertreter und Vorposten der westlichen Demokratie zu
sehen, wie es der islamistische Fundamentalismus schon längst tut und daher
dessen Vernichtung anstrebt, ist dem durchschnittlichen Medienkonsumenten mit
der Erwartungshaltung von Schreckens- und Skandalmeldungen im eigenen
überschaubaren Umfeld nicht zumutbar. Zu diesem Aspekt auch etwas zugunsten
Israels Stellung zu nehmen, ist daher auch kein journalistisches Sommerthema in
einem österreichischen Wahljahr. Denn im Vergleich zur kleinen jüdischen
Gemeinde und zu den wenigen Israel freundlich gesinnten Gruppierungen und
Organisationen ist die islamische Gemeinde in Österreich verhältnismäßig groß
und zumindest wahlarithmetisch ein zu beachtender Faktor. Bei aller Anerkennung
ihrer bisherigen Zurückhaltung und ihres hier wenigstens nicht in tätlichen Ausschreitungen
eskalierenden Protestes gegen Israel, würde sie aber Verständnis für oder gar
Annäherung von wahlwerbenden Parteien an die
israelische Position mit Sicherheit nicht schätzen und entsprechend antworten.
Mit deutlicher, zum Teil auch unreflektierter und unverhältnismäßiger Kritik an
Israel aus allen politischen Parteien war also auch aus diesem Grund, nicht nur
dem langzeitigen österreichischen Mainstream folgend,
heuer ohnehin zu rechnen.
Auf
niederträchtigste Weise den Libanon-Konflikt für ihren Wahlkampf zu
missbrauchen, den antisemitischen Bodensatz in ihren eigenen Reihen und in
ihrem Wählerpotential damit zu bedienen und aus allen Rohren auf Israel zu schießen,
behielt sich allerdings die FPÖ vor. Dies nicht ohne frühere Grundsätze quasi
zu pervertieren. Ließ H. C. Strache sich vor einem
Jahr im Wiener Wahlkampf noch mit „Pummerin statt Muezzin“ plakatieren
(„Stephansdom statt viel Schalom“ scheiterte wohl
mangels Masse der auffälligen Juden, wurde aber punktuell auch gehört) und sah Mölzer im Tragen von Kopftüchern schon das
(deutsch)österreichische Kulturgut bedroht und „umgevolkt“,
so denkt letzterer daran – nach kurzem Rückfall zum (mit Fußballanhängerschaft
des Sohnes begründeten) Deutschtum samt entsprechend gehisster deutscher Flagge
– jetzt die Palästinenserfahne vor seinem Haus flattern zu lassen, als Protest
gegen die israelischen Angriffe und „aus Solidarität mit dem palästinensischen
Volk“ (Der Standard, 28.07.06, S. 3).
Als
Kritikerin dieser Vorgangsweise sehe ich das mir daran pervers Erscheinende von
Mölzers Standpunkt aus sicher falsch. Erstens haben
die radikalen Palästinensergruppen Hamas und Al-Aksa-Brigaden,
die die Selbstmordattentate in Israel verüben und vom Gazastreifen aus Raketen
auf Südisrael abfeuern, neben der Palästinenserfahne auch ihre eigene, die Mölzer vielleicht doch nicht hissen wird. Zweitens stören
weder Solidarisierung mit dem palästinensischen Volk, noch die Kopftücher der
Palästinenserinnen das (deutsch)österreichische Kulturgut, denn beide bleiben
ja dort, weit weg von der Pummerin. Das muss man als denkender Mensch doch
trennen können, die ausufernde muslimische Einwanderung in die liebe
Dirndlheimat des wehrhaften Christentums und die Anliegen der arabischen Seite
im Nahen Osten. Darum wird ja auch fast jeder noch so harmlos und unauffällig
in Österreich lebende Jude schon auf Verdächtigkeit seines Namens für die
„israelische Aggressionspolitik“ verantwortlich gemacht und beschimpft.
Strache
wiederum forderte in eher „staatsmännischem“ Anspruch, aber in aller
Unverhältnismäßigkeit, die diplomatischen Beziehungen mit Israel vorläufig
einzufrieren, nicht beachtend, dass diese mögliche Retourkutsche auf die
israelische diplomatische Reaktion 2000 (wegen der Regierungskoalition mit der
FPÖ) im Grunde genommen ein Versatzstück aus der Zeit seiner persönlichen
Nibelungentreue zu Haider ist, seinem heutigen größten Gegner. Nun, wer auf
Kärntner Boden um das politische Überleben wahlkämpft,
dem darf wirklich kein Mittel zu tief gegriffen sein.
Der
steirische FPÖ-Chef Gerhard Kurzmann brachte alles auf einen Punkt (in: Der Standard, 28.07.06, S. 3): „Der
Judenstaat muss endlich erkennen, dass sich die zivilisierte Staatengemeinschaft
von Staatsterroristen nicht länger auf der Nase herumtanzen lässt“.
Möchte
Österreich auf einen Verfassungsbogen, innerhalb dessen solche offiziellen
Äußerungen ungestraft fallen können, wirklich stolz sein?