„Der allererste Zionist? Welche
Frage!“, antwortete mir Michal bei einem Reservistentraining vor gut dreißig
Jahren, „König David natürlich! Der hatte Verstand und integratives
Talent!“
Nun mag es ein gewagter Ansatz sein, die im politischen Zionismus des 19. und
20. Jahrhunderts enthaltene Utopie eines Moses Hess [1812-1875] und eines Theodor
Herzl [1860-1904] zur idealen jüdischen Gesellschaft mit der „mythischen“
Macht des König David [1008-965 v. Z.] in Verbindung zu bringen. Vor allem
vor der Realität des jungen, demokratischen Staates Israel, die schon bei
der Staatsgründung 1948 mit dem ausgeprägten jüdischen Talent
zur Selbstkritik als dem Traum nicht ganz entsprechend wahrgenommen wurde. Es
stimmt schon, dass Davids politische Bedeutung archäologisch gar nicht
belegt ist und literarisch nur in den beiden Samuelbüchern der Bibel tradiert
wird, [zusammengestellt ca. 640-609 v. Z.], sie als damals politisch dienliche
Mythenbildung abzuqualifizieren hieße Fakten eines ersten jüdischen
Staates, das Bestehen der Grundidee einer nationalen jüdischen Einheit
seit damals sowie die entscheidende politische Botschaft zu vernachlässigen:
König David erreichte die Einigung aller israelitischen Stämme unter
seiner Herrschaft, indem er das gemeinsame Heiligtum, die Bundeslade, auf den
Berg Zion schaffen ließ. Quasi in Umkehrung des antiken Rechtsgrundsatzes
cuius regio eius religio [wem das Gebiet gehört, gehört der Kult]
verschaffte er sich zwar seine Herrschaft über den gemeinsamen Kult, Jerusalem
wurde aber vor allem politisch zur Hauptstadt, zur Ir David, der Stadt Davids.
Sein Sieg über das damals in der Küstenebene siedelnde Seevolk der
Philister ist auch nur legendär, doch nachdem diese von heutigen Historikern
ziemlich einig griechischer Herkunft zugeordnet werden, eignen sie sich ohnehin
kaum für eine der aktuellen arabischen Interpretationen als „vertriebene
Stammväter“ der heutigen Palästinenser.
Vergesse ich dich, Jerusalem…
Nachdem die Einheit des Reiches nur unter Davids Sohn Salomo aufrecht erhalten
werden konnte, das Nordreich Israel 722 v. Z. von den Assyrern zerschlagen,
die Oberschicht der Israeliten deportiert worden war, erlitt das Südreich
Juda 587 v. Z. unter den Babyloniern das gleiche Schicksal. Der erste Tempel
war zerstört und entheiligt worden, die gebildete Oberschicht in die Babylonische
Gefangenschaft geraten. Sie erhielt sich jedoch auch dort ihre jüdische
Identität, Bindung an ihr Land und die Sehnsucht nach Rückkehr, wie
Klagelieder und vor allem Psalm 137/5 belegen. Diese Sehnsucht blieb in den
täglichen jüdischen Gebeten bis in unsere Zeit erhalten und überdauerte
die Jahrtausende des wechselvollen Schicksals des Landes: Die Rückkehr
nach Jerusalem unter persischer Herrschaft per Kyros-Edikt [538 v. Z.] und die
Errichtung des Zweiten Tempels, die hellenistische Zeit unter Alexander dem
Großen und den Seleukiden, die wieder erlangte staatliche Eigenständigkeit
nach dem erfolgreichen Makkabäeraufstand [165 v. Z.] bis zur Eroberung
durch die Römer [63. v. Z.], deren Gebietsgliederung in die Provinzen Syria
und Judäa, die Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jüdischen
Krieg [70 n. Z.], der Fall von Masada, die Niederschlagung des letzten jüdischen
Aufstandes unter Bar Kochba [135 n. Z.] durch Kaiser Hadrian. Erst durch seinen
Erlass wurde das Land in „Palästina“ umbenannt, um die Erinnerung
der unter römischer, dann sassanidischer, später byzantischer Herrschaft
stehenden Bevölkerung an die vielen, aber nie zur Gänze vertriebenen
und in Folge in der Diaspora zerstreuten Juden möglichst auszulöschen.
Die kriegerische Eroberung durch die Araber erfolgte 636 und erst seit deren
fortschreitender Besiedlung bis 1099 wird ganz Palästina mehrheitlich von
Arabern bewohnt. Dass über den gesamten Verlauf der Geschichte stets auch
eine jüdische Bevölkerung mit eigenständiger Kultur in der Region
erhalten blieb, ist unbestritten und literarisch wie sprachwissenschaftlich
u. v. A. vor allem durch den Talmud Yerushalmi [auch Palästinensischer
Talmud bezeichnet] belegt, wenn auch der Babylonische Talmud der Diaspora-Rabbinen
in der Lehre Autorität erlangte.
Yerushalayim – Al Quds?
In den fünftausend Jahren, in denen archäologische Ausgrabungen eine
menschliche Besiedlung der heute als Yerushalayim oder (arabisch) Al Quds bekannten
Stadt nachzuweisen glauben können, war sie immer nur Hauptstadt eines israelitischen
oder jüdischen Staates – ausgenommen die 88 Jahre des Kreuzfahrerstaates
„Christliches Königreich Jerusalem“ zwischen 1099 und 1187
- und, seit ihrer Eroberung durch die Araber 638, sechs Jahre nach dem Tod Mohammeds,
auch unter ganzer oder teilweiser muslimischer Hand nie Hauptstadt eines islamischen
Staates oder auch nur einer muslimischen Provinz. Sie wird weder im Koran selbst
namentlich erwähnt, noch kann sie der Gründer und endgültige
Prophet des Islam historisch je betreten haben. Warum sollte nur der davidisch-jüdische
Mythos als „zionistisches Märchen“ abgetan werden, einem muslimischen
Mythos aber als heutige politische Relevanz weichen?
Nationalitäten und Demokratie
Weder die Herrschaft der Mamelucken [1291-1517] noch die der Osmanen [1517-1918]
hatte für Palästina eine eigene Verwaltung vorgesehen oder das Gebiet
als selbstständige geografische Einheit betrachtet, die Region war für
beide muslimischen Dynastien ein Teil Syriens, in dem – wie im gesamten
Reich – Juden und Christen nur theoretisch (und in europäischer Perspektive
fälschlich verklärend) den Status von Dhimmi [tolerierten „Schutzbefohlenen“
mit stark eingeschränkten Bürgerrechten] hatten. Real waren Juden
auch dort niemals vor Verhöhnung und Pogromen geschützt. Entsprechend
war auch das 19. Jahrhundert des Nationalismus im Osmanischen Reich nahezu wirkungslos
vergangen, konnten Ideen der Aufklärung und der modernen Demokratie erst
gar nicht Fuß fassen. So blieb es nach dem Ersten Weltkrieg den vor Ort
siegreichen Westalliierten - Briten und Franzosen - überlassen, auf dem
Boden des eroberten Nahen und Mittleren Ostens im Ausgleich eigener Machtinteressen
neue Grenzen zu ziehen, neue Staaten und Mandatsgebiete zu schaffen, in denen
man wie bis dahin von demokratischen Verhältnissen jedoch weit entfernt
war. Diese zu realisieren gelang in der Region erst und bis heute nur dem Staat
Israel.
Arabischer Antisemitismus?
So wie manche Rechte die zwei Jahrtausende lange Geschichte des europäischen
Antisemitismus gerne nur im „Verhalten der Juden“ begründet
sehen wollen, blenden „neue Historiker“ der Linken (auch in Israel)
die Entwicklung des arabischen Antisemitismus gerne ganz aus, um ihre Positionen
im aktuellen Nahostkonflikt halten zu können. Andere erklären ihn
als Reaktion auf den Zionismus sowie die verstärkte Rückwanderung
von Juden in ihre historische Heimat ab 1880 und sehen auch Zusammenhänge
mit dem Erwachen des arabischen Nationalismus um 1920. Antisemitische Stereotype
in arabischer Sprache erschienen z. B. 1921 in Romanform, 1927 als Übersetzung
der Fälschung „Protokolle der Weisen von Zion“. Nach 1947 nahmen
arabische antisemitische Veröffentlichungen zu, haben aber auch Wurzeln
im Koran selbst [„Affen und Schweine“ – 2:65,5, 5:60,7 und
7:166] und im mittelalterlichen islamischen Antijudaismus, z.B. des Gelehrten
Ibn Khaldun im 14. Jhd. Die Gründung des Staates Israel 1948 und deren
regionale Folgen nur auf den Holocaust, die Shoah zu beziehen, für die
nur die Europäer, insbesondere Deutsche und Österreicher, nicht aber
die Palästinenser die Verantwortung hätten, ist reine Polemik und
entbehrt jeder historischen Basis. Arabischer Nationalismus, der natürlich
im Gegensatz zum Zionismus stand, war schon zur Mandatszeit für Unruhen,
Aufstände und Judenpogrome 1920 und 1921, noch vor der 4. großen
Einwanderungswelle der Alija, aber auch nach der 5. Alija 1933-39 verantwortlich,
Einwanderungsbeschränkungen und –Verbote für Juden seitens der
Briten waren die Folge, die allerdings dem ursprünglichen Mandatstext der
Förderung jüdischer Einwanderung widersprachen. Dass der die Unruhen
anführende, spätere „Großmufti“ von Jerusalem, al-Husaini,
in Folge seine politischen Argumente auch auf seinen engen Beziehungen mit NS-Deutschland
aufbaute, ist ebenfalls im Kontext des gemeinsamen Antisemitismus zu sehen und,
als Basis für den sich viel später formierenden palästinensischen
Nationalismus [PLO-Charta 1968] gesehen, nichts, worauf die arabische Seite
sonderlich stolz sein könnte.
Israels Rückkehr als
Staat
Die neuerliche Gründung des souveränen jüdischen Staates dort,
wo Juden seit 4000 Jahren leben und von wo sie niemals freiwillig weggingen,
ist die Korrektur historischer Fehler, die Beherrscher aus europäischer
wie arabischer Geschichte, aber niemals die Juden selbst zu verantworten hatten.
Das mit der Staatsgründung 1948 auf arabischer Seite verbundene Unheil
der Naqba [„Katastrophe“] hätte verhindert werden können,
hätten die Araber die UN-Resolution 181 zur Schaffung eines jüdischen
und eines arabischen Staates auf dem Mandatsterritorium nicht zurückgewiesen
und wären sie tatsächlich an einem eigenen Staat interessiert gewesen.
Der Teilungsplan von 1947 hatte ihnen ein weit größeres Gebiet zugewiesen,
als ihnen nach den fünf verlorenen Angriffskriegen ihrer arabischen Nachbarstaaten
auf den jungen Staat Israel je verblieben war. Die arabischen Armeen überließen
nach ihrem zurückgeschlagenen Eindringen die Palästinenser ihrem Schicksal.
Die meisten gingen, um nicht in die Kämpfe von 1948 zu geraten. Nur sehr
wenige wurden von Israel gezwungen zu gehen. Die arabische Bevölkerung
stieg von November 1948 innerhalb eines halben Jahres um zwei Drittel auf 155.000
an, weil viele nach dem Krieg zurückkehrten und den Status als gleichberechtigte
Bürger Israels akzeptierten. Es folgten bald weitere 150.000 palästinensische
Flüchtlinge nach Israel, heute zählen wir fast 1,5 Millionen arabische
Israelis, die auch Stellungen als Botschafter, in Ministerien und in der Knesset
einnehmen. Von „ethnischer Säuberung“ seitens Israels zu reden
entbehrt daher aller Fakten. Eine solche gab es allein von arabischer Seite
während des Krieges 1948 hinsichtlich der 17.000 aus dem Westjordanland
und Jerusalem vertriebenen oder ermordeten Juden, denen bis 1967 das Leben in
den Territorien verboten worden war.
Es war die Entscheidung der arabischen Staaten, die Palästinenser nie bei
der Gründung ihres Staates zu unterstützen, nicht bei vorherigen Gelegenheiten
wie 1937 [Peel-Kommission], 1939 [MacDonald-Weißbuch] und 1947[UN-Resolution
181], auch nicht, als die Territorien von 1948 bis 1967 unter jordanischer bzw.
ägyptischer Kontrolle standen, sondern ihnen – im Gegensatz zu 700.000
von Israel zwischen 1948 und 1951 aufgenommenen und integrierten Überlebenden
der Shoah und jüdischen Verfolgten aus der arabischen Welt – die
Integration zu verweigern, ihren Status als Flüchtlinge in Armut bewusst
und künstlich stets aufrecht zu erhalten und als politische Waffe gegen
Israel bis heute einzusetzen.
Israel heute
Neid der in Elend Gehaltenen ist das historisch bestens bewährte Grundfutter
für Kriege, Revolutionen und Aggressionen gegenüber den Beneideten.
Der trotz innerer Gegensätze, Schwierigkeiten und ständiger äußerer
Bedrohung funktionierende Erfolgsweg Israels als demokratischer Staat mit blühender
Wirtschaft steht in krassem Gegensatz zu den Bedingungen, unter denen die Palästinenser
von jenen ihrer eigenen politisch Verantwortlichen gehalten werden, die eine
binationale Einstaatenlösung mit jüdischer Minderheit durchsetzen
und den jüdischen Staat, das „zionistische Gebilde“ als Ganzes
vernichten wollen. Mit international reichlich fließender Finanzhilfe
an die Palästinensische Autonomie werden weder eigene Infrastrukturen noch
eine eigene Wirtschaft genügend aufgebaut, sondern vorrangig politischer
Widerstand, Kampfmittel und militärische Ausrüstung gefördert.
Derart manipuliert und in Not gehalten, ist es verständlich, wenn junge
Palästinenser vor westlichen Kameras klagend über den Zaun zeigen:
„Drüben in Israel ist Luxus, ist Unterhaltung, sind Arbeitsplätze,
und dort stand das Haus meines Großvaters!“
Im größten Hindernis zu einem Frieden zu kommen, der Frage der Rückkehr
der palästinensischen Flüchtlinge, liegt auch ein kaum lösbares
Grundproblem: Es wird ja nicht die Rückgabe der großväterlichen,
stromlosen Steinhütten mit Plumpsklo gefordert, sondern die späte
und mühelose Partizipation an einer moderne Welt, die jüdische Hände
in sechzig Jahren in ihrer ewigen Heimat Israel unter größten Entbehrungen
aufgebaut haben. Doch die Existenz des jüdischen Staates beweist, dass
Wunder möglich sind – so auch das Wunder des Friedens.