CHAVA GURION
WARUM FÜR ISRAEL?
Es ist ein gutes Land, Österreich. Im Jahr nach den selbstzufriedenen, runden Sechziger und Fünfziger Geburtstags- und Freiheitsfeierlichkeiten des Staates und nach einem inhaltlich langweiligen, aber allseitig höchst unappetitlich geführten Wahlkampf - durchsetzt mit persönlichen Untergriffen, keinesfalls frei von latenten und offenen Antisemitismen - lohnen sich in der Atempause bis zu den nächsten innenpolitischen Degoutantes Blicke über den nationalen Tellerrand, wie auf die nationale Reflexion des Erblickten.
Für Israels Image, gegen Antisemitismus
Sogar im Herbst dieses Jahres 2006, da unser kleines Land doch ganz andere Sorgen und Probleme zu lösen hätte, gibt es hier tatsächlich noch (wenige und kleine) Gruppen und Organisationen, die sich unermüdlich und mit idealistischer Verbissenheit der Aufgabe widmen, das Image Israels im europäischen Meinungstopf zu verbessern, und sei es auch nur durch Lieferung und Verbreiterung sachlicher Objektivierungskriterien, die die verwurzelten und zugereisten Israelkritiker hierzulande verdrängen oder bewusst verschweigen. Dass die Israel freundlich gesinnten Gruppierungen sich damit aber auch aktiv in den Kampf gegen Antisemitismus einbringen müssen, liegt nicht an Israel. Über die Zusammenhänge von altem oder neuem Antisemitismus und Israelkritik wurden in letzter Zeit ausreichend Bücher veröffentlicht, manche sogar gelesen, leider kaum von Antisemiten selbst. Mit der wissenschaftlichen Definition, es sei bereits Antisemitismus, wenn man an Israel und die Juden höhere ethische, menschenrechtliche, demokratische und politische Anforderungen stellt als an alle anderen Nationen, lässt es sich hier ebenso schlecht leben wie mit jener, dass Leberzirrhose meist doch vom Saufen kommt.
"Wenn es sich um einen Krieg zwischen Israel und einer terroristischen Organisation handelt, kann und wird dieses Land und diese Regierung niemals neutral sein…Unser Herangehen an den Nahen Osten wurde, wie überall, von unseren Werten geleitet." Solche Worte wünschte man sich von europäischen Politikern, sie kamen jedoch vom kanadischen Premierminister Stephen Harper. (Haaretz, Online-Ausgabe v. 22. Oktober 2006, aus dem Englischen übersetzt von der Autorin). Im kleinen, neutralen Österreich sitzen die Stachel der eigenen Geschichte, gefolgt von Relativierungsbedürfnis und Schlussstrichmentalität noch viel zu tief, um sich ganz von eigenen Grundwerten leiten zu lassen.
Hat Österreich genug getan?
Immerhin hat man doch auch hier - sechzig Jahre später - nationale Restitutionen geleistet.
Wie auch Amiram Barkat in Haaretz feststellte, betrugen die Unterschiede der von drei europäischen Ländern in den letzten Jahren geleisteten Kompensationen an die Erben des im Holocaust geraubten jüdischen Besitzes jedoch mehrere hundert Prozent. Deutschland, Frankreich und Österreich haben 80% der Restitutionsforderungen erfüllt. Die durchschnittliche, von Deutschland bezahlte, Kompensation betrug 95000 Euro, dreieinhalb mal so viel wie jene 27000 Euro hohe von Frankreich, und fast zwölf mal so hoch wie jene Österreichs. Hauptgrund für die niedrigen in Österreich gezahlten Kompensationssummen war die vorab beschlossene Obergrenze des Restitutionsfonds von 210 Millionen Dollar, eine Summe, die den Anspruch der Antragsteller mit durchschnittlich 13% des Wertes der geraubten Besitztümer limitierte. (Amiram Barkat in: Haaretz, Online-Ausgabe v. 22. Oktober 2006, aus dem Englischen übersetzt von der Autorin).
Ideologische Zwickmühle der Rechten
Nach dieser österreichischen Großleistung auch noch für Israel sein? Wo sich Verdrängung und Geschichtsklitterung mit Frustration und Neid mischen, bieten sich gerade in der aktuellen Ausgangslage genügend Andockpunkte für populistische Parteien der äußersten Rechten, die sich selbst in komplexe ideologische Zwickmühlen hinein manövriert haben. Einerseits wurde ihr ideologieimmanenter Antisemitismus in der Aufbereitung für Bierzelteignung zwar wegen der "anschaulicheren" Gefahr der "islamischen Umvolkung" in den letzten Jahren von ungustiöser Polemik gegen Muslime in Österreich überlagert, aber nicht nachhaltig verdrängt. (338.988 Angehörige der islamischen Glaubensgemeinschaft, davon 96.052 österreichische StaatsbürgerInnen und 242.936 AusländerInnen, stehen 8.140 Angehörigen der israelitischen Glaubensgemeinschaft, davon 6.112 österreichische StaatsbürgerInnen und 2.028 AusländerInnen gegenüber. Quelle: Statistik Austria, Volkszählung 2001.) Andererseits ist die Rechte schon aus Tradition gegen die "in Geiselhaft ihrer Ostküste befindlichen" USA und deren Imperialismus, also auch gegen Israel, daher für die "armen Palästinenser" und für alles, was den arabischen Nationalismus unterstützt, bei den großen, Öl produzierenden, arabischen Nachbarstaaten Eindruck macht und so die europäischen Benzinpreise vielleicht erschwinglich hält.
"Kultivierte" Einseitigkeit der Linken
Bei der österreichischen Linken sieht es nicht viel besser aus, jedoch operiert sie eher auf einer anderen intellektuellen Ebene. Ihre Polemik gegen Israel ist meist diffuser und weniger für den Biertisch tauglich, gerade deswegen aber um einiges gefährlicher. Argumente werden explosionsartig mit einer derartigen Vielzahl falscher Fakten ausgeschmückt, dass sie der nieder geschmetterte Zweifler nicht ad hoc nachvollziehen kann und deren Richtigstellung ein Zehnfaches des Zeitaufwandes erforderte. Hier sei gar nicht die Rede von jenen, die das Erbe Bruno Kreiskys uminterpretieren und für eigene Zwecke instrumentalisieren, etwa in der Österreichisch-Arabischen Gesellschaft, die teils mit unverhohlenem, antisemitischem Unterton argumentieren und radikalere Ansätze verbreiten als manche Palästinensergruppen selbst. Nichts anderes darf erwartet werden, wollten sie ihren Vereinszweck nicht verfehlen.
Gelehrte Gegnerschaft
Unter dem superelastischen Deckmantel von Demokratie, Menschenrechten und Friedensbemühungen werden aber auch sonst anerkannte, politisch "unverdächtige", österreichische Informations- und Weiterbildungsinstitutionen akademischen Charakters in möglichst großer Einseitigkeit genützt, billige, antiisraelische Inhalte in eindrucksvolle, wissenschaftliche Abhandlungen und Vorträge über die "Nahost-Problematik" zu verpacken und an das interessierte Volk zu bringen. Hinsichtlich Einseitigkeit führen allein die Programme, z. B. der Diplomatischen Akademie, des Österreichischen Instituts für Internationale Politik, sowie etlicher anderer mehr, ohnehin den Selbstnachweis. Wer sich hier informiert, wird nicht nur von einem geklitterten Geschichtsbild (samt politischer Nachlieferung der Erfindung des palästinensischen Volkes und einer artifiziellen "Palästinensergeschichte") der "neuen Historiker"; wie John Bunzl et alii vereinnahmt, sondern gewinnt unter den explizit ausgewählten Vortragenden wie Uri Avnery und Konsorten auch den Eindruck, dass Frieden in Nahost nur noch zu den Bedingungen der Palästinenser möglich ist, denen sich Israel zu unterwerfen habe.
Menschenrechte, neu definiert
Darüber hinaus werden die Menschenrechte neu definiert – territoriale Besetzung durch die Siegermacht (Israel) nach einem Krieg war ein klarer Verstoß, Rückzug aus dem besetzten Gazastreifen ist auch ein klarer Verstoß, weil die rivalisierenden Palästinensergruppen ihren selbst zerfleischenden, bürgerkriegsähnlichen Zuständen ordnungslos überlassen werden. Gesicherte Grenzen und Kontrollen an wenigen Übergängen sind ein Verstoß seitens Israels, in allen anderen Fällen, z.B. den spanischen Enklaven in Nordafrika (daher EU), Pakistan und Indien, Nord- und Südkorea und anderen Hochsicherheitsgrenzen unserer Welt ist das eine akzeptierte Vorgangsweise. Raketenbeschuss und Selbstmordattentate auf die Zivilbevölkerung gelten weltweit als Terrorismus, Ausnahme: Israel, dort sind es nur die verständlichen Maßnahmen des sonst wehrlosen Volkskonstrukts Palästinenser, die derzeit vor allem unter der Uneinigkeit ihrer politischen Führung leiden. Während für Al Fatah ein Palästinenserstaat neben einem (territorial um alle arabischen Gebiete stark reduzierten – daher die Forderung des Rückkehrrechtes für arabische Flüchtlinge) Israel vorstellbar scheint, möchte die Hamas den Palästinenserstaat statt Israel. Die fokussierte Menschenrechtsauslegung der Palästinenserfreunde klammert zur Unterstützung dieser Ansinnen gerne Fakten aus: Es wird geschätzt, dass seit 1948 wenigstens 900.000 Juden gezwungen waren, ihre Heimstätten in arabischen Ländern wie Ägypten, Irak, Libyen, Libanon und Jemen zu verlassen. Wenigstens 600.000 flüchteten nach Israel, der Rest suchte Schutz in Frankreich, Großbritannien, USA und anderen Ländern. Die Weltorganisation der Juden aus arabischen Ländern hat geschätzt, dass Juden mehr als 100 Milliarden US$ persönlichen und Gemeindebesitz durch Konfiskation von verschiedenen arabischen Regierungen verloren haben. ( Quelle: Haaretz Online-Ausgabe, 22. Oktober 2006).
Israelgegner und Utopia
Während die Welt rat- und hilflos zusieht, wie sich heute in Afghanistan und Irak verschiedene islamische, religiös und politisch motivierte Arabergruppen durch Bürgerkrieg und Terroranschläge gegenseitig die Zivilbevölkerung abschlachten, gehen die antiisraelischen Friedensaktivisten und meist selbst ernannten Nahost-Experten davon aus, Israel müsse sich nur auf eine kleine, jüdische Enklave von Haifa bis Tel Aviv reduzieren, selbstverständlich mit freiem Zugang der Arbeit suchenden Araber, um daneben und rundum ein blühendes, arabisches Palästina entstehen zu lassen, einen Hort der Demokratie und des friedlichen Umgangs miteinander.
Die einzige Demokratie im Nahen Osten
Von den sonst so demokratisch gesinnten Israelgegnern in Österreich wird auch über die Tatsache hinweg analysiert, dass Israel die einzige, funktionierende, aktive Demokratie nach westlich-europäischem Muster und den hier hoch gehaltenen abendländischen Werten im Nahen und Mittleren Osten ist. An der Inkompatibilität von islamischen Staaten unter extremistisch-religiöser Führung und westlicher Demokratie trägt jedoch nicht die Existenz Israels die Schuld, da können die friedensbewegten Palästina-Theoretiker noch so viele wortreiche und Fakten verzerrende Vorträge halten und Publikationen absondern.
Einseitigkeit begegnen
Dennoch muss ihnen begegnet werden. Darum war es sehr wichtig, auch auf wissenschaftlichem Gebiet in Österreich eine Organisation zu gründen, die das Themenfeld Naher Osten nicht den einseitig orientierten und motivierten Palästina-Proponenten überlässt, sondern Fakten und Argumente zur Objektivierung einbringt. Scholars for Peace in the Middle East-Austria , der österreichische Zweig der internationalen Organisation Scholars for Peace in the Middle East (SPME) , ist derzeit in Gründung begriffen, wird im November 2006 seine Gründungsversammlung abhalten und als ein in Österreich bereits eingetragener Verein operieren. Es ist nicht das einzige, aber sicher wirksame Instrument im Bemühen um Objektivierung. SPME-Austria ist bereits per Link mit der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft vernetzt.
Die politische Notwendigkeit dazu ergab sich in den Sechziger Jahren des 20. Jhd, aus der Nationalcharta der PLO, auf Basis der revolutionär motivierten Auseinandersetzungen mit dem Haschemitischen Königshaus Jordaniens. Ethnologisch sind die "Palästinenser" ebenso wie die Jordanier Südsyrer, im nationalen Aspekt allenfalls Westjordanier.